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Fünf Sterne für ein Hallelujah

Kolumne: Hauptstadtnotizen

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Und dann kam nach zweieinhalb Stunden Konzert und langen, sehr langem einfach nicht abebbendem Applaus die Zugabe. Jeder, aber auch wirklich jeder der 2250 Zuhörer im Großen Saal der Berliner Philharmonie hatte damit gerechnet, dass jetzt der Schlusschor aus dem zweiten der drei Teile des Oratoriums „Messiah“ von Georg Friedrich Händel als Wiederholung erklingen würde; das „Hallelujah“; der Hammerhit der sakralen Musik, wenn nicht überhaupt der „klassischen“ Musik, der Abräumer, der den Saal zum Kochen bringen würde. Die vier Solisten des Abends hatten ihre Plätze rechts und links des Orchesters verlassen und sich hinter das Orchester „Akademie für Alte Musik“ zu ihren Stimmen im Chor gesellt. Dann hebt der Dirigent Justin Doyle die Hände leicht an, die Streicher setzen ein und durch den besten Konzertsaal der Welt schweben in den nächsten Minuten die Musik und Verse von „Es ist ein Ros entsprungen“ so zart und zerbrechlich, dass der eben noch aufgewühlte Enthusiasmus des Publikums in meditatives Schweigen verfällt: „Das Röselein so kleine/das duftet uns so süß/Mit seinem hellen Scheine/vertreibt's die Finsternis.“

Die ganze Welt glaubt, dass die Wiener Philharmoniker mit ihrem Neujahrskonzert immerwährend den Spitzenplatz in der Weltliga der „Erster-Januar-Konzerte“ halten, dass sie die „Berliner Philharmoniker“ mit ihrem Silvesterkonzert – wie Schalke 04 in der Bundesliga – zum „Meister der Herzen“ und das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin (DSO) auf ewig „Vizekusen“ im Oberfeld der „Klassik-zum-Jahresende-Tabelle" degradieren. Aber wenn es nicht nur auf die mediale Reichweite ankäme, sondern wie beim Neujahrs-Skispringen Punktrichter zur Weite auch Haltungsnoten vergäben – dann würden sie das Neujahrskonzert von „RIAS Kammerchor“ und „Akademie für Alte Musik“ als das Beste vom Tage benoten.

„Das Wort ,Rias' dürften nur Alt-Berliner und DDR-sozialisierte Menschen erklären können“Hermann Pölking-Eiken, Autor

Das Publikum in der Berliner Philharmonie wusste schon vor dem Konzertbeginn, dass sie weltmeisterliche präsentierte Musik hören werden. Man spürte, dass viele im Foyer zur Informationselite der Klassik gehören. Man sah bekannte Gesichter aus Literatur und Medien, Menschen, die mit der Partitur in den Konzertsaal gehen. Es hat sich bis ins ferne Japan herumgesprochen, dass die 1982 noch in Ost-Berlin gegründete „Akademie für Alte Musik“, ein Orchester, das auf historischen Instrumenten die Musik des Barock und der Klassik stilgerecht interpretiert, im Bereich der historischer Aufführungstechnik heute nahezu unerreicht ist. Aber wenn sie eine Symbiose eingehen, verwöhnen „Akamus“ und „RIAS Kammerchor“ das anspruchsvollste Publikum der Welt; ganz besonders zu Neujahr.

„Rias Kammerchor“ – viele werden schon nicht wissen, was ein „Kammerchor“ ist. Ein „Kammerchor“ ist ein Chor in kleiner Besetzung, typischerweise 20 bis 30 Personen, beim Rias Kammerchor sind es 34 Sängerinnen und Sänger. Das Wort „Rias“ dürften nur Alt-Berliner und DDR-sozialisierte Menschen erklären können. Der „Rias“, das war der 1946 gegründete „Rundfunk im Amerikanischen Sektor“. Der SED galt der aus West-Berlin sendende Rias als Propagandainstrument des Klassenfeinds. Er war der in West- und Ost-Berlin meistgehörte Sender. Der Sender hatte drei Klangkörper: Das „Rias Tanzorchester“ – 2001 abgewickelt – und das „Rias-Symphonie-Orchester“, das sich später „Radio-Symphonie-Orchester Berlin“ nannte und heute das hervorragende „Deutsche Symphonie-Orchester Berlin“ ist.

Den Sender Rias gibt es heute nicht mehr. In seinem Schöneberger Funkhaus residiert das Deutschland-Radio Kultur. Der Rias Kammerchor existiert nicht nur noch – er lebt unter seinem zunehmend erklärungsbedürftigen Namen mehr denn je. Er bezeugt mit dem Anspruch an seine Arbeit jeden Tag, dass das geeinte Deutschland, das geeinte Berlin, nicht nur Weltspitze sein wollen, sondern sein können. Wenn Sie bezeugen und erleben wollen, wer die *****+ der Klassik wie keiner verdient, dann bestellen sie alsbald Karten für den 1. Januar 2021, 20 Uhr, Berlin, Philharmonie. Wir sehen uns.

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