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Eine Liebeserklärung an den Dümmer

Die Skandal-Erzählung "Seelandschaft mit Pocahontas" ist 65 Jahre her: In der Geschichte macht der Schriftsteller Joachim 1953 Urlaub am Dümmer See - und quartiert sich im Gasthof Schomaker ein.

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Schauplatz von Arno Schmidts sinnlicher Erzählung: Der Gasthof Schomaker in Dümmerlohhausen. Foto: Pille

Schauplatz von Arno Schmidts sinnlicher Erzählung: Der Gasthof Schomaker in Dümmerlohhausen. Foto: Pille

"So mild war die Luft, dass man hätte Cremeschnitten damit füllen können (…)". 65 Jahre ist es nun her, dass der Schriftsteller Arno Schmidt dem Dümmer mit seiner Skandal-Erzählung "Seelandschaft mit Pocahontas" eine zärtliche Liebeserklärung widmete, ihn zum erotischen Garten Eden erklärt. Es sagt über den Zeitgeist von 1955 mehr aus als über das Werk, dass der eingängige Text dem Autor nach dem Erscheinen in Alfred Anderschs Literaturzeitschrift "Texte und Zeichen" eine Strafanzeige wegen Pornografie und Gotteslästerung einbrachte.

In der Geschichte macht der Schriftsteller Joachim im Sommer 1953 Urlaub am Dümmer See. Er quartiert sich für acht Mark am Tag als Vollpensionist im Gasthof Schomaker im heimeligen Dümmerlohhausen im Nordwesten des Sees ein. Er ist zufrieden, denn nicht nur haben alle Klos Wasserspülung, im Frühstückszimmer serviert das freundliche Personal auch echten Bohnenkaffee. Unter der größten Privatsammlung von Dümmervögeln trifft der Protagonist Selma, eine junge, spindeldürre Sekretärin. Obwohl er sie zunächst unattraktiv findet, verlieben sich die beiden ineinander und erleben "beißende Liebesnächte" auf dem Dümmer. Er nennt sie "Liebste Pocahontas", denn sie hat wie eine "Indianerprinzessin" ein Irokesengesicht mit einer Hakennase.

Mit dieser Geschichte rechnet Schmidt, dessen Prosa in kein Schema passt und keiner literarischen Strömung zugeordnet werden kann, mit der Zeit der Adenauer-Restauration in der jungen Bundesrepublik ab. Selbst Heimatvertriebener, empfand er das aktive "Unter den Teppich kehren" nach dem traumatischen Weltkrieg als frustrierend und er meinte die, die einem Geist gedient hatten, dem Millionen Menschen zum Opfer gefallen waren. Das Christentum lehnt er mit ätzenden Bemerkungen ab. Die Erzählung nutzt die Regentage am Dümmer, um die "Zustände und Denkweisen" jener Zeit festzuhalten, zu überliefern und sinnlich erlebbar zu machen. Die Verliebten paddeln gemeinsam auf dem berückend schönen See und verlieren sich in erotischen Traumwelten.

Walter Kemposwki: "Seelandschaft mit Pocahontas" ist "schönste Liebesgeschichte"

Viel Lokalkolorit ist in der "Seelandschaft" zu finden. Sie paddeln hinüber zur Lembrucher Seeseite im Nordosten, besuchen das Kurhaus, das in den 1970er Jahren abgebrannt ist und genießen das "Moorloch" neben dem Fluss Hunte, der den Dümmer durchfließt. Sie erleben die Unverträglichkeit von "Oldenburger Speckkuchen", dessen Fett auch den widerstandsfähigsten Magen umkrempelt. Überall sind Wiesen mit zahllosen Zelten, gelbgrüne Deiche und schließlich der See "hellblau und zitternd vor Frische". Der Schriftsteller wusste, wovon er schrieb: Im Juni 1953 fuhren die Schmidts mit dem Zug nach Diepholz. Statt in Lembruch kamen sie auf der westlichen Seite des Sees in Dümmerlohausen bei eben jenen Schomakers unter.

Für Walter Kempowski war "Seelandschaft mit Pocahontas" Arno Schmidts "wohl schönste Liebesgeschichte", und Günter Grass erklärte sie zu seiner Lieblingserzählung. Heute empfehlen Schmidt-Fans sie all jenen als Einstiegsdroge, die bisher um den ansonsten höchst schwierigen Experimentalautor Schmidt einen großen Bogen gemacht haben. Das Glück und die Flucht auf Zeit Joachims und seiner Pocahontas währt nicht lange: Am Ende steigt Selma in den Bus Richtung Osnabrück, der lieblose Verlobte wartet. Glücklich über die doch noch eingetretene Menstruation seiner Pocahontas, bleibt ein nachdenklich schweigender Joachim in Dümmerlohhausen zurück, doch: "… mein Kopf hing noch voll von ihren Kleidern…".

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