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Ein kleiner Streifzug durch die Botanik

Kolumne: Batke dichtet – Die Natur hat allerhand zu bieten. Einige Institutionen würdigen Pflanzen auf besondere Weise.

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Versprochen – kein Wort zur US-Wahl. Also: Nur noch zwei Monate Restlaufzeit. Das partiell downgelockte Jahr 2020 wird Spuren hinterlassen. Schon jetzt haben sich einige Institutionen daran gemacht, ihre Aushängeschilder oder Besonderheiten zu küren.

Der Vermutung, der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) wolle vielleicht einen augenzwinkernden Kontrapunkt zu den vorübergehenden coronalen Kontaktbeschränkungen setzen, indem er die Turteltaube (Streptopelia turtus) zum „Vogel des Jahres 2020“ proklamierte, ist leicht zu widersprechen: Sie zählt, so bitter das für alle „Turteltäubchen“ auch klingen mag, zu den gefährdeten Vogelarten.

Bleiben wir draußen in freier Natur: Auch die Experten der Dr. Silvius Wodarz-Stiftung haben sich auf ihren Primus festgelegt. „Baum des Jahres 2020“ ist die Robinie (Robinia pseudoacacia), die – und das wissen wir Botaniker – in Nordamerika beheimatet ist und erst in jüngerer Zeit bei uns Wurzeln geschlagen hat. Sie ist Nachfolgerin der Flatterulme (Ulmus laevis), die 2019 vom Wodarz-Gremium gewählt wurde. Für alle, die es möglicherweise nicht so schnell auf dem Schirm haben: Dr. Forest Silvius Wodarz (1930 bis 2018) war ein renommierter Forstexperte, der die Wahl 1989 initiierte. Dass er auch der Mitverfasser des Standardwerkes „Die Motorsäge – Einsatz und Wartung“ ist, sei nur am Rande erwähnt.

„Dann ist der Drago für mich nicht nur Baum des Jahres, dann ist er der Baum des Jahrhunderts.“Alfons Batke, Journalist

Und in der Flora sind weitere Würfel gefallen: Die Stiftung zum Schutz gefährdeter Pflanzen, 1979 von der damaligen Kanzler-Gattin Loki Schmidt ins Leben gerufen, kürte den Fieberklee (Menyanthes trifoliata) zur „Blume des Jahres 2020“. Hier ist ein besonderer regionaler Bezug herzustellen, denn die Wahl des Fieberklees soll stellvertretend stehen für den bedrohten Lebensraum Moor. Er ist übrigens auch eine Heilpflanze, deren Extrakt die Darmfunktion anregen und die Verdauungsprozesse regulieren kann.

Da ich schon am Plaudern bin, verrate ich Ihnen gern meine persönlichen Lieblinge des Jahres – was das Grünzeug anbelangt. Da wäre unsere Bananenpflanze (Musa ingens) zu nennen, deren fast schon exponentielles Sprießen wir mit wachsender Begeisterung, allerdings auch mit wachsender Sorge betrachten.

Wir hatten ein Tütchen Samen zu Beginn des Jahres auf Teneriffa gekauft. Zunächst schien es, als würden sie das Eingekerkertsein in einem Topf mit Südoldenburger Blumenerde mit Nichtentfaltung strafen wollen, mittlerweile wächst sie uns über den Kopf; Wachstumsforscher prognostizieren eine Höhe von vier Metern. Und sie versprechen, dass die Musa Frucht abwerfen wird – mit der ersten Ernte und somit mit dem ersten Bananenshake rechnen wir für Ende 2023.

Das zweite Mitbringsel vom Kanaren-Trip waren die Samen eines Drachenbaumes (Dracaena draco). Wir haben sie in Icod de los Vinos an der Westküste Teneriffas erworben. Dort steht „El Drago“, der mit etwa 500 Jahren wohl älteste Drachenbaum der Welt. Sein Genmaterial tat sich bei uns zunächst schwer wie das der Bananenpflanze, inzwischen misst der längste Austrieb schon 16 Zentimeter, Tendenz wachsend. Und wenn es stimmt, dass der Pflanzensaft Zahnschmerzen lindert – so will es eine Seefahrer-Mär – dann ist der Drago für mich nicht nur Baum des Jahres, dann ist er der Baum des Jahrhunderts. Und vielleicht hilft der Sud ja auch gegen Corona.


Zur Person:

  • Alfons Batke (64) ist Journalist und lebt in Lohne.

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