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Dieser Krimi ist keine Liebeserklärung an die Stadt Friesoythe

Der Kriminalroman "Ena Andersen und die Tote im Mai" spielt in Friesoythe. Die Stadt kommt dabei aber nicht wirklich gut weg.

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Spielt in Friesoythe: Anna Johannsens Krimi "Enna Andersen und die Tote im Mai".  ©  Edition M

Spielt in Friesoythe: Anna Johannsens Krimi "Enna Andersen und die Tote im Mai".  © Edition M

Da ist Friesoythe einmal Schauplatz eines Kriminalromans, und dann kommt die Stadt noch nicht einmal gut weg. In dem Buch "Enna Andersen und die Tote im Mai" erscheint das Friesoythe der frühen 2000er Jahre als miefige, klerikale, tiefschwarze und spießbürgerliche Kleinstadt.

Hauptfigur des Krimis ist die Oldenburger Hauptkommissarin Enna Andersen. Ihre kleine Sonderkommission ist mit der Lösung von Cold Cases, also älteren, bislang ungelösten Fällen, beauftragt. Der zweite Fall führt das neu eingerichtete Ermittlerteam nach Friesoythe.

Alles begann beim Frühtanz in Thüle

Vor fast 20 Jahren, am 1. Mai 2002, verschwand die Studentin Julia beim Frühtanz in Thüle. Sie war zu Besuch bei ihren Eltern und zog zusammen mit ihrer alten Clique am Maifeiertag von Friesoythe nach Thüle, um dort zu feiern. Julia kehrte von der Feier nie zurück, wenige Monate später wurde ihre Leiche im fast 200 Kilometer entfernten Teutoburger Wald entdeckt.

Die 2002 durchgeführten Ermittlungen sind lückenhaft, also beginnen Enna und ihr Team ganz von vorne, befragen die streng katholische und konservative Familie der Toten, ihre alten Schulfreunde und die Studienkollegen in Emden. Sie erfahren von Julias ausgeprägtem Gerechtigkeitssinn, stoßen auf lang gehütete Geheimnisse, auf Verbrechen und Betrug.

Solide aber etwas spannungsarm

"Enna Andersen und die Tote im Mai" ist ein solider Kriminalroman, der Lesern außerhalb von Friesoythe ein eher ruhiges Lesevergnügen verspricht. Die im Buch dargestellte kriminalistische Recherchearbeit mit ihren Spuren, Hinweisen, Verdächtigungen und Sackgassen hält die Leser auf demselben Kenntnisstand wie das Team. Die Geschichte wechselt zwischen den unterschiedlichen Wohnorten des Opfers, die Geschehnisse vom Mai 2002 werden allein anhand der Akten und der Zeugenaussagen rekonstruiert. Spannung und Gänsehaut kommen dabei ein wenig zu kurz.

"Die Tote im Mai" ist keine Liebeserklärung an Friesoythe und sicher auch nicht der Beginn einer wunderbaren Freundschaft zwischen der Autorin und den Friesoythern. Zu negativ werden das bürgerliche Milieu und die Atmosphäre in der Stadt dargestellt. In einer Friesoyther Facebookgruppe jedenfalls ist von Vorurteilen die Rede, von Klischees und Stereotypen.

Gute Rechercheleistung

Und auch sprachlich ist das Buch weit von wirklich guter Kriminalliteratur entfernt, insbesondere Dialoge sind nicht die Stärke des Buches. Anerkennen muss man jedoch die Rechercheleistung von Johannsen. Die örtlichen Beschreibungen der Stadt sind stimmig, die Autorin kennt die Ortschaften, die Verbindungsstraßen, die Standorte von Wegweisern, selbst die Fußwege nach Thüle und die Atmosphäre beim Frühtanz.

Ob die in Nordfriesland aufgewachsene Johannsen eine Verbindung zu Friesoythe hat – die Stadt liegt als Schauplatz für einen Kriminalroman ja nun nicht wirklich auf der Hand – und ob sie in diesem Fall das geschilderte Milieu selbst so erlebt und wahrgenommen hat, muss offen bleiben. Nach Aussage ihres Verlages gibt Johannsen grundsätzlich keine Interviews.

  • Info: Johannsen, Anna: Enna Andersen und die Tote im Mai;
    Verlag Edition M, November 2020;
    ISBN 978-2-496-70157-9;
    erschienen als Taschenbuch und E-Book.

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