Das Nachrichtenportal vonMünsterländische Tageszeitung MT undOldenburgische Volkszeitung OV

Die Musik klingt im Krisenmodus weiter

Die Kreismusikschule Vechta wagt sich Schritt für Schritt wieder weg vom Bildschirmunterricht. Dabei hält sie sich an ein ausgeklügeltes Konzept.

Artikel teilen:
Unterricht per Videochat: Kreismusikschulleiter Rainer Wördemann spielt gemeinsam mit einem Schüler Saxofon. Foto: Heinzel

Unterricht per Videochat: Kreismusikschulleiter Rainer Wördemann spielt gemeinsam mit einem Schüler Saxofon. Foto: Heinzel

„Digitaler Unterricht kann den persönlichen Präsenzunterricht nicht ersetzen“, betont Rainer Wördemann. Der gebürtige Mühler ist der Leiter der Kreismusikschule Vechta (KMS). Er freut sich auf die Zeit, wenn wieder komplett der normale Unterricht an seiner Schule möglich ist.

Ein erster Schritt in diese Richtung erfolgte am 12. Mai. Unter Berücksichtigung von Hygieneauflagen dürfen die seit Mitte März geschlossenen Musikschulen Unterricht anbieten.
„Es ist toll, dass es wieder anläuft und die Rückmeldungen sind alle sehr positiv“, sagt Rainer Wördemann. „Wir haben uns für einen vorsichtigen Start entschieden und bieten nur das an, was wir verantworten können, selbst wenn mehr möglich wäre.“ Seit Montag (25. Mai) dieser Woche zählen dazu auch die Blasinstrumente in Gruppen bis zu vier Teilnehmern.

Kein Unterricht: Keine Einnahmen, aber Zuschüsse

Kooperationen mit den allgemeinbildenden Schulen, die Projekte der Aktion „Wir machen die Musik“ in Kitas und Kindergärten, die musikalische Früherziehung sowie der Musikgarten werden allerdings noch nicht wieder in ihrer ursprünglichen Form angeboten. „Zum Schutz der Kinder wollen wir das gemeinsame Singen und Tanzen, das Spielen auf Instrumenten und den in diesem Alter in den Unterrichten fast unumgänglichen Körperkontakt vermeiden“, erläutert Wördemann.

Die Coronakrise ist für die KMS noch lange nicht ausgestanden. Ein wichtiger Aspekt, um als Institution die Pandemie zu überstehen, war die Entscheidung des Kreisausschusses vom 14. Mai, ein mögliches Haushaltsdefizit der vier Musikschulen mit den Standortkommunen (Vechta, Lohne, Dinklage, Neuenkirchen-Vörden) auszugleichen. Ohne Unterricht haben die Einrichtungen keine Einnahmen. „Die Kommunalpolitik hat großes Verständnis für die Musikschulen und will jahrzehntelang gewachsene Strukturen erhalten“, sagt der Kreismusikschulleiter. Die Kulturlandschaft Südoldenburgs sei immerhin ein wichtiger weicher Standortfaktor für die Region.

Die KMS finanziert sich zur Hälfte aus Gebühren und zur anderen Hälfte durch Mitgliedsbeiträge der Städte, Gemeinden und des Landkreises Vechta selbst. Der Defizitausgleich ist allerdings an gewisse Voraussetzungen geknüpft. Das Instrument der Kurzarbeit sowie weitere Möglichkeiten - wie etwa Zuschüsse aus verschiedenen Hilfsfonds von Land und Bund - sollten ebenfalls genutzt werden, um durch die Krise zu kommen.

Etwa 60 Menschen sind an der KMS beschäftigt. Das Gros davon war im April in Kurzarbeit geschickt worden. Vor einem großen Problem standen die Honorarkräfte der Schule. Sie sind in der Regel Soloselbstständige; sie leben von ihren Auftritten als Musiker und ihren zusätzlichen Einnahmen aus dem Unterricht. Oft, erklärt Wördemann, decken sie vergleichsweise seltene Instrumente ab, Harfe zum Beispiel oder Fagott. 

„Da warten wir noch auf eine Lösung und deutliche Ansage durch die Politik, was die Verbesserung der Situation der Honorarkräfte anbelangt.“
Rainer Wördemann, Leiter der Kreismusikschule

Für echte Soloselbstständige sei die Lage nach wie vor äußerst ernst, denn sie erhalten derzeit keinerlei Hilfe durch den Staat und haben zudem keine Einnahmen. „Da warten wir noch auf eine Lösung und deutliche Ansage durch die Politik, was die Verbesserung der Situation der Honorarkräfte anbelangt“, sagt der Schulleiter. Die Mitarbeiter der Musikschule in Oldenburg hätten beispielsweise für ihre Not leidenden Kollegen einen privaten Hilfsfonds eingerichtet.

Auch die Musikschulen im Kreis versuchen, diesen Kollegen zu helfen. Die klassische Corona-Variante: Der kostenpflichtige Unterricht wurde und wird via Videochat angeboten. Allerdings mussten die Lehrer feststellen, dass die Qualität der Tonübertrag je nach genutzter Software variiert. Musikschule im Netz: Das fängt außerdem schon bei der kindlichen Früherziehung an, wo die Eltern über die digitalen Medien Tipps bekamen.

Rainer Wördemann spielt seit seinem fünften Lebensjahr ein Instrument und tritt mit unterschiedlichen Ensembles auf. Foto: HeinzelRainer Wördemann spielt seit seinem fünften Lebensjahr ein Instrument und tritt mit unterschiedlichen Ensembles auf. Foto: Heinzel

Der Musikschulleiter ist dankbar für den Rückhalt, den die Einrichtung von den Schülern und ihren Eltern erfährt. So verzichteten viele Familien auf die Rückerstattung des April-Schulgeldes zugunsten der Musikschulen. Die Bläserklasse des Gymnasiums Damme drehte gemeinsam mit Lehrern ein neunminütiges Video über sich, um Nachwuchs zu gewinnen. Denn: Die Bläserklasse konnte nicht wie gewohnt Ende April ihre kleine Konzertreise von Grundschule zu Grundschule im Einzugsbereich des Gymnasiums Damme durchführen, um künftige Fünftklässler für sich zu begeistern.

Generell sei die „wegfallende soziale Komponente der Musik“ nicht zu unterschätzen. "Kultur umgibt uns überall und in den verschiedensten Formen", sagt Wördemann. „Mit jeder Woche wird das Fehlen von Veranstaltungen in diesem Bereich den Menschen immer bewusster.“

Hier klicken und om-online zum Start-Bildschirm hinzufügen

Die Musik klingt im Krisenmodus weiter - OM online