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Die "Harzreise" – damals und heute

Kolumne: Batke dichtet – In Corona-Zeiten steht die Zeit oft still. Gleiches gilt für das Gebirge im Süden Niedersachsens. Mit einer Ausnahme: Es hat seinen eigenen Charme.

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Wie wär's heute mal mit einem lyrischen Start? Gewissermaßen als Entschädigung für entgangene Stoppelmarktsfreuden. Es geht so: Auf die Berge will ich steigen, Wo die dunkeln Tannen ragen, Bäche rauschen, Vögel singen, Und die stolzen Wolken jagen.

Sicher haben Sie es gleich erkannt. Es ist aus dem "Buch der Lieder" zur legendären "Harzreise", die Heinrich Heine als Wandersmann von seinem Studienort Göttingen aus im Jahr 1824 unternahm.

Wir waren auch im Harz. Womöglich auch von Heine inspiriert. Die Harzreise bildete den Abschluss unseres Kurzurlaub-Dreiteilers. Die erste Folge spielte in der Holsteinischen Schweiz, die zweite in der Eifel. Und zum Finale das am nördlichsten gelegene deutsche Mittelgebirge. Corona gab die Richtung vor: Kein Mallorca, kein Teneriffa, kein Kreta: Wir blieben im Lande und reisten redlich.

"Vielerorts scheint die Zeit stehen geblieben zu sein, und das hat mitunter durchaus seinen Charme."Alfons Batke, Journalist

Der Harz ist schön, keine Frage. Aber irgendwie erinnert er einen auch an die Sechziger, Siebziger Jahre, als die Mädchen noch Elke und die Jungs noch Horst hießen. Vielerorts scheint die Zeit stehen geblieben zu sein, und das hat mitunter durchaus seinen Charme. Und, dass historische Orte wie Goslar oder die am östlichen Harzrand gelegenen Städte wie Wernigerode oder Quedlinburg etwas zu bieten haben, steht völlig außer Frage.

Zurück zu Heine. Wir hefteten uns an seine Fersen und begaben uns dahin, wo nach des Dichters Worten dunkle Tannen ragen, Bäche rauschen und Vögel singen. Wir schraubten uns den Brocken hinauf - um der Wahrheit die Ehre zu geben nicht wie dereinst Heine mit dem Wanderstab, sondern in historischen Waggons, die von einer Dampflokomotive gezogen wurden. Wir stiegen an der Station Drei Annen Hohne zu, für Hin- und Rückfahrt waren pro Person unverschämte 47 Euro zu berappen. Dafür kann man bei guter Angebotslage auch schon mal von Bremen an die portugiesische Algarve fliegen. Dass die Schaffner nach dem Abknipsen der Fahrkarten auch noch mit einem Bauchladen voller heimischer Brände wie Schierker Feuerstein oder Nordhäuser Doppelkorn durch die Reihen schritten und diese überteuert feilboten, sei nur am Rande erwähnt.

Wir hatten Glück, das Wetter war gut bei 1141,2 Meter Gipfelhöhe, die Aussicht prächtig und die Thüringer Bratwurst schlecht, weil ihr Darm aus einer Art Folie bestand, die sie für Menschen mit dentalen Unebenheiten unessbar machte. Nun, wir waren oben, und dampfend ging es wieder zu Tal. Und vielleicht waren die 47 Euro ja insofern keine Verschwendung, als auf der Zugfahrt sichtbar wurde, wie kaputt das Harzer Gehölz durch Hitze, Trockenstress, Borkenkäfer und Stürme an vielen Stellen tatsächlich ist. Mit der Romantik Heines hat das nichts mehr zu tun. Und so muss ich dem Dichter mit einem Vierzeiler in die Parade fahren; vielleicht auch, weil diese Kolumne "Batke dichtet“ heißt:

Auf die Palme möcht' ich steigen, Wenn ich seh' die toten Fichten, Ein kranker Wald, ein Trauerreigen, Kaum noch Zeit, es neu zu richten.


Zur Person

  • Alfons Batke (64) ist Journalist und lebt in Lohne.
  • Den Autor erreichen Sie unter: info@om-online.de

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