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Die Goldenen Siebziger – ein kurzer Blick zurück

Kolumne: Batke dichtet – Die 70er waren ein klasse Jahrzehnt. Nicht nur musikalisch, auch der Fußball hatte es in sich. Und nicht zu vergessen: mein einmaliges Inter-Rail-Erlebnis.

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"Und jetzt Musik aus den Achtzigern, aus dem schönsten Jahrzehnt überhaupt", klang es kürzlich aus dem Radio. Und der Moderator legte "Tainted Love" von Soft Cell auf. Widerspruch. Nichts gegen den Song, eingängig und tanzbar. Aber das schönste Jahrzehnt? Das sind eindeutig die Siebziger. Und das nicht nur wegen der Musik. Na ja, ich räume ein, dass das eine sehr subjektive Einschätzung ist – aber die Siebziger waren für mich nun einmal die prägendste, spannendste und abwechslungsreichste Phase meines bisherigen Lebens.

Der Alterszeitraum zwischen 14 und 24 Jahren mit Pubertät, erster Liebe, Abitur, Führerschein, Bundeswehr, Uni und Berufsanfang trug eine unglaubliche Verdichtung von Ereignissen in sich; das Leben stellte seine Weichen. Den Soundtrack lieferten Alben von Bruce Springsteen ("Born to run"), The Doors ("L.A. Woman"), The Eagles ("Hotel California") oder Neil Young ("Rust never sleeps"), mit dem aufkommenden Discosound konnte ich indes nicht so viel anfangen. Mit Willy Brandt und seiner nobelpreisgekrönten Politik des Wandels durch Annäherung schon mehr.

Auf strenge staatliche Regulierungen hat die gegenwärtige Corona-Pandemie keinen Patentanspruch. Mit dem Energiesicherungsgesetz verhängte die Bundesregierung wegen der Ölkrise Ende 1973 an 4 Sonntagen generelle Fahrverbote. Aus Auto- wurden Geisterbahnen. Dass als Nebenwirkung der Krise vermehrt auf Atomenergie gesetzt wurde, trieb vor allem junge Menschen auf die Straße und führte 1979 zur Gründung einer Partei, die 42 Jahre später Regierungsverantwortung im Bund übernehmen möchte.

"Das Interrail-Ticket war meine Eintrittskarte in die Welt des Reisens."Alfons Batke, Journalist

Auch in sportlicher Hinsicht verklärt sich ein wenig der Blick, wenn man an die deutsche Fußball-Nationalmannschaft zu Beginn der Siebziger denkt. Nie wieder spielte eine DFB-Elf einen solch schönen Fußball wie im Zuge der EM 1972 mit dem genialen "Ramba-Zamba"-Duo Franz Beckenbauer und Günter Netzer sowie mit dem unersättlichen Vollstrecker Gerd Müller. Der WM-Gewinn von 1974 mag sportlich wertvoller gewesen sein – so schön wie 2 Jahre zuvor hat keine andere Nationalelf je wieder gespielt.

Beim Blättern im Album des Lebens schiebt sich immer wieder ein Dokument ins Blickfeld, das 1974 für 240 D-Mark zu erwerben war. Das Interrail-Ticket war meine Eintrittskarte in die Welt des Reisens. Als 18-Jähriger auf eigene Faust im Zug quer durch Europa – nichts hat mich im Leben mehr inspiriert als diese 4 Wochen zwischen Irland und dem früheren Jugoslawien. Umso mehr sind jene jungen Leute zu bedauern, die aktuell solch wichtige Erfahrungen aufgrund der Pandemie nicht machen können.

Die Siebziger feiern in diesem Jahrzehnt ihr Fünfzigjähriges, mein ehemaliger Mathelehrer wäre sicherlich stolz über diese meine messerscharfe Erkenntnis. Damals gab's noch kein Trash-TV, das Leben lief analog und war trotzdem schön. Ich bin weit davon entfernt, diese quirlige Dekade zu glorifizieren; auch sie hat Schatten geworfen. Gleichwohl wünsche ich mir manchmal die Leichtigkeit und Unbekümmertheit zurück, mit der man viele Dinge angepackt hat. Und um die Kern-Leserschaft dieser Kolumne gnädig zu stimmen: Ganz so schlecht waren auch die Sechziger nicht!


Zur Person:

  • Alfons Batke blickt auf eine über 40-jährige journalistische Laufbahn zurück.
  • Der 65-Jährige lebt als freier Ruheständler in Lohne.
  • Kontakt: redaktion@om-medien.de.

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