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Die Angst des Stürmers vor dem Elfmeter

Kolumne: Notizen aus der Sprachebene

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Schon in meiner Studienzeit war der diesjährige Nobelpreisträger der Literatur – Peter Handke – in den Himmel der Literatur aufgestiegen. Er wurde in den Seminaren häufig zitiert, und man musste ihn lesen, um mitsprechen zu können. Handke wurde Pflichtlektüre! Einige Professoren schwärmten von der „Publikumsbeschimpfung“, in der Handke es den Zuschauern so richtig gegeben hatte. Und nachdem ich seinen „Kaspar“ kennengelernt hatte, brachte ich dieses Theaterstück Jahre später voller Begeisterung in die Oberstufenklassen des Dammer Gymnasiums. Kaspar war ein junger Mann, der aufgrund seiner Totalisolierung nicht sprechen lernen konnte und unter Gewalt zum Sprechen gezwungen wurde. Das war bestimmt für die Schüler ein linguistisches Schlüsselerlebnis gewesen, weil sie sahen, welch dominante Rolle die Sprache im Leben des einzelnen hat. Nicht nur in der täglichen Kommunikation, sondern besonders in der Politik, wo man mit der Sprache alles drehen kann.

Einmal wagte ich es auch, „die Angst des Tormanns vor dem Elfmeter“ mit den Schülern zu lesen. (Eigentlich sollte eher der Schütze eine größere Angst beim Elfmeter haben als der Torwart, von dem man sowieso nicht erwartet, dass er den Elfmeter hält.) Die Schüler lasen diese reißerisch anmutende Erzählung, waren aber desinteressiert.

Im Laufe der Zeit verlor ich Handke aus den Augen, auch sein Theaterstück „Die Unvernünftigen sterben aus“, das ich im Theater gesehen hatte, riss mich nicht von den Stühlen, und die neuen Texte langweilten mich, so dass ich später fast gar nichts mehr von ihm las.

„Als ich die Seitenzahl von 759 sah, habe ich es ungelesen in das Bücherregal gestellt. Und dort steht es heute noch.“Bernd Kessens, Schriftsteller

Ein ehemaliger Schüler schenkte mir Handkes Roman „Der Bildverlust“ mit diesen Worten: Als Spanien-Liebhaber wirst du bestimmt viel darüber im Roman finden, doch die gespreizte Lektüre hat mich überfordert. Mehrfach mit dem Lesen angefangen, bin aber nicht vorwärtsgekommen. Und als ich die Seitenzahl von 759 sah, habe ich es ungelesen in das Bücherregal gestellt. Und dort steht es heute noch. Woran lag es?

Lag es an Handkes erkünstelten Literatur oder lag es vielleicht doch an der politischen Einstellung dieses Autors, der in dem Jugoslawien-Krieg eine Position für die Serben eingenommen hatte?

Für die serbischen Volksvertreter, die später als Kriegsverbrecher verurteilt wurden, hatte anscheinend Handke eine „literarische“ Sympathie entwickelt, so dass er für den verurteilten jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milošević, der im Gefängnis starb, bei der Beerdigung eine Grabrede hielt. Er hatte in einem weiteren Text die serbischen Kriegsverbrechen und den Völkermord von Srebrenica verharmlost und einmal sogar von der Tragödie der Serben gesprochen, die mit dem Holocaust zu vergleichen sei. Das ist Unsinn. Wochen später musste er zurückrudern und antwortete nur: „Einmal verhaspelt …“ Er hätte das Gegenteil sagen wollen.

Darf man einen Schriftsteller von seiner Literatur trennen? Einen Menschen von seinem Tun? Darf man einen, der mit Kriegsverbrechern sympathisiert, mit dem Nobelpreis auszeichnen? Man hat es getan.

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