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Der Kampf verläuft anders als erwartet

Das Theaterstück „Djihad“ zeigt Schülern aus Vechta und Lohne, wohin religiöser Fanatismus führen kann.

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Dramatische Szene: Die IS-Kämpfer aus Europa sind irritiert, als sich ein Araber und „Bruder“ als Christ entpuppt. Foto: M. Niehues

Dramatische Szene: Die IS-Kämpfer aus Europa sind irritiert, als sich ein Araber und „Bruder“ als Christ entpuppt. Foto: M. Niehues

In den Ruinen Aleppos treffen drei IS-Kämpfer aus Europa auf einen Araber, der seine im Krieg erschossene Frau in den Armen hält. Die drei haben Mitleid, trösten den „Bruder“ und teilen ihr Essen mit ihm. Dann erfahren sie, dass „Michel“ ein Christ ist. Erschrocken richten sie ihre Maschinengewehre auf ihn. „Das ist eine List. Die bringen ihnen Arabisch bei, damit sie sich unter die Muslime einschleichen und dann bringen sie uns um“, glaubt einer. Michel entgegnet: „Ich bin Araber. Ich war schon immer Araber, lange vor dir, mein Bruder. Wir waren hier, lange bevor euer Prophet erschienen ist.“ Die anschließende Streitdiskussion offenbart die Sinnlosigkeit des Tötens und vor allem auch das Unwissen der drei IS-Kämpfer über ihren eigenen Glauben.

Diese Auseinandersetzung wurde gestern im Metropol-Theater in Vechta aufgeführt. Sie gehört zu den Schlüsselszenen des Theaterstücks „Djihad“, das sich jetzt Schulklassen aus Vechta und Lohne als Abschluss eines Extremismusprojektes ansehen durften.

Äußerst eindrucksvoll führten die Schauspieler des Staatstheaters Braunschweig das Erfolgsstück von Autor Ismael Saidi auf. Aufgezeigt wird, wie die drei Charaktere an der Gesellschaft und an ihrem familiären Umfeld scheitern und Zuflucht bei islamistischen Extremisten finden, anfällig werden für die simplen Heilsversprechen der Fanatiker. Die drei ziehen in den Krieg nach Syrien, um an der Seite der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) zu kämpfen.

Ismail Saidi schafft es, mit den tölpelhaften Zügen der Charaktere zu unterhalten. Zugleich sorgen das reduzierte Bühnenbild und eindringliche Texte dafür, dass die Botschaft beim jugendlichen Publikum ankommt. Im Metropol-Theater folgten die Schüler gebannt dem Inhalt. Das Stück ging unter die Haut. In mehreren Gruppen erarbeiteten die Klassen, moderiert von Experten, das Gesehene im Dialog auf.

Als Experte für Schule und Islam war beispielsweise Benjamin Franz von der TU Braunschweig gestern ein gefragter Ansprechpartner für die Schüler. Anhand des Theaterstücks machte er noch einmal deutlich, dass es lohnenswert ist, sich selbst mit dem Koran inhaltlich zu beschäftigen, statt die Deutung allein auf Suren – Kapitel des Korans – zu reduzieren. Zudem sei es wichtig, sich mit den verschiedenen Religionen zu beschäftigen. „Es gibt mehrere Wahrheiten“, betonte er gegenüber den Schülern. Der Koran bedeute Liebe.

Ein Dutzend weiterführende Schulen in Vechta und Lohne mit über 900 Jugendlichen haben an dem Projekt teilgenommen, das Schüler gegen Extremismus wappnen und sensibilisieren soll. Die Vechtaer „Partnerschaft für Demokratie“ will auf diese Weise zusammen mit dem „Stellwerk Zukunft“, der Polizei und dem Verfassungsschutz das Demokratieverständnis junger Leute fördern und stärken.

Gestartet war das Projekt im November vergangenen Jahres mit einer Lehrerfortbildung zum Thema Islamismus und Salafismus. 43 Lehrer nahmen daran teil, erfuhren so auch, wie sich Radikalisierungstendenzen erkennen lassen. Es folgten Workshops in den weiterführenden Schulen für die Klassen, die sich allgemein mit dem Thema Extremismus beschäftigten. Jede Schule konnte dabei wählen, ob sie den Schwerpunkt bei Links-, Rechts- oder religiösen Extremismus setzen wollte. Verfassungsschützer und Islamwissenschaftler standen den Jugendlichen Rede und Antwort.

Daniela Schlicht und Verena Voigt vom Verfassungsschutz besuchten auch gestern die Veranstaltung im Metropol-Theater. Sie lobten das Projekt als „großartig“. Die Schüler hätten „sehr gut mitgemacht“, die Lehrer seien „sehr engagiert“ gewesen. Das Theaterstück sei „emotional und eingängig“. Die hervorragende Idee, das „Djihad“ als Abschluss einzusetzen, gehe auf Stefan Heitmann zurück. Den Leiter der Staatsschutz-Abteilung des Polizeikommissariates Cloppenburg/Vechta lobten beide darüber hinaus für die sehr gute Kooperation. Weil Heitmann das Projekt mit allen Schulen organisiert habe, ergebe sich zudem der positive Nebeneffekt, dass alle Beteiligten sich jetzt kennen würden. Der kurze Draht sei wichtig.

Heitmann selbst freute sich, dass das Stück bei allen Beteiligten gut angekommen ist, er von den Schulen sehr positive Resonanz erfahren hat. Bedankt hat sich bei ihm gestern auch Julian Hülsemann von der Partnerschaft für Demokratie. „Die Organisation durch die Polizei war einfach toll“, sagte er. Das Projekt trage Früchte.

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