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"Der 21-Jährige, der freiwillig in ein Pflegeheim zog"

Der Niederländer Teun Toebes traf in jungen Jahren die Entscheidung, in der geschlossenen Abteilung eines Pflegeheims zu leben. Von seinen Erfahrungen berichtete er nun im Cloppenburger Kulturbahnhof.

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Mitreißend: Zusammen mit Moderatorin Sigi Gall präsentierte Teun Toebes (links) sein Buch. Foto: Heidkamp 

Mitreißend: Zusammen mit Moderatorin Sigi Gall präsentierte Teun Toebes (links) sein Buch. Foto: Heidkamp 

Hieß es früher „Opa (oder Oma, Onkel, Tante) is'n bitken tüdelig worn“ hat dieser Zustand seit Jahren einen festen und fast schon erschreckenden Namen bekommen – Demenz. Vor 2 Jahren zog der heute 23-jährige Niederländer Teun Toebes in ein Pflegeheim für Menschen, die an Demenz erkrankt sind. Toebes, der den Beruf des Altenpflegers erlernt hat und sich auf Menschen mit Demenzerkrankung spezialisiert hat, erkannte dabei, dass den an Demenz erkrankten Menschen wenig Aufmerksamkeit und Zuneigung geschenkt wird. Seine dort gemachten Erfahrungen fasste der junge Niederländer in dem Buch "Der Einundzwanzigjährige, der freiwillig in ein Pflegeheim zog und von seinen Mitbewohnern mit Demenz lernte, was Menschlichkeit bedeutet" zusammen. In einer Lesung im ausverkauften Kulturbahnhof berichtete Toebes von dem dort Erlebten. 

Ein würdevoller Lebensabend sieht anders aus

Seine und die von Moderatorin Sigi Gall vorgetragenen Schilderungen eines Alltags im Pflegeheim machten das Publikum teilweise sehr betroffen. Verschlossene Türen, die sich nur mittels eines Codes öffnen lassen, Betreuer, die den Bewohnern Entscheidungen per Gesetz abnehmen, Bewohner, die nicht mehr tun und lassen können, was sie selbst wollen. Eine andere Welt, die laut Toebes für Menschen mit Demenz geschaffen wird. Wer will schon statt eines Lebens in Freiheit und Selbstbestimmung in einem System voller Geringschätzung und Ausgrenzung landen? Seine letzten Jahre als jemand verbringen, der nicht mehr als Individuum, sondern als Teil einer Gruppe kranker Menschen gesehen wird, die ohnehin nichts mehr mitbekommt? Das alles habe seiner Meinung nach mit einem würdevollen Lebensabend nichts mehr gemeinsam.

Teun Toebes, der seinen Einsatz für an Demenz erkrankte Menschen nicht als Projekt, sondern als eine Mission versteht, will etwas ändern. Deshalb habe er das Buch geschrieben, welches, wie Sigi Gall betont, eine aus tiefstem Herzen kommende Anklage ist, die sich nicht gegen die Pflege an sich richtet, sondern gegen die Art, wie unsere Gesellschaft mit Menschen mit einer Demenzerkrankung umgeht. Toebes hofft auf einen Dialog und neue Erkenntnisse, die dazu führen, dass gemeinsam ein Weg gefunden wird, um die Betreuung der Menschen zu verbessern  „Wir müssen als Gesellschaft begreifen, wie wertvoll ein Leben mit Demenz noch sein kann. Nur dann hat das Pflegeheim ‚mein Zuhause‘ eine hoffnungsvolle Zukunft“, schreibt Toebes und zitiert das Bürgerliche Gesetzbuch: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“

Das Leben von Demenzerkrankten passt nicht mit unseren demokratischen Vorstellungen überein

Wird heute eine Form von Demenz diagnostiziert, beginnt für die betroffene Person eine Phase, in der sie als Patient mit viel medizinischer Aufmerksamkeit betrachtet und in der häufig über sie gesprochen wird. Wenn eine häusliche Pflege und Versorgung nicht mehr möglich sind, landet der Patient in einem Pflegeheim, in einer, wie Toebes es nennt, Miniaturgesellschaft, die sich am ehesten mit einem totalitären System vergleichen lässt. Das Leben ist ab sofort der vollständigen Kontrolle unterstellt und hat grotesk wenig mit einer demokratischen und gleichberechtigten Gesellschaft zu tun. Toebes will mit seinen Erfahrungen nicht mit dem Finger auf seine Kolleginnen und Kollegen zeigen und sie anprangern oder als einen Haufen herzloser Pflegebüroraten darstellen. „Nein, das sind sie nicht. Sie sollen eher einen Raum bekommen, anders zu denken und zu handeln“, schreibt Toebes, der mittlerweile so frustriert ist über die gegenwärtige inhumane Pflege, „dass meine Motivation zur Arbeit wie Schnee in der Sonne schmilzt“, erklärt er.

In Deutschland leben derzeit etwa 1,8 Millionen Menschen (weltweit 55 Millionen) mit einer Demenzerkrankung. Bis zum Jahr 2050 wird diese Zahl in Deutschland geschätzt auf 2,8 Millionen Menschen (weltweit 139 Millionen) anwachsen. Eine Demenz tritt vorrangig im hohen und höchsten Lebensalter auf.  „Dass die Veranstaltung ausverkauft war, zeigt doch, wie wichtig das Thema Demenz mittlerweile für viele geworden ist“, zeigte sich Ina-Maria Meckies von der Volkshochschule Cloppenburg erfreut über das große Interesse. Das Kooperationsprojekt der Kontaktstelle für Selbsthilfe wurde zusammen mit der Volkshochschule Cloppenburg organisiert und von der IKK Classic und dem Förderverein Kulturbahnhof unterstützt. 

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