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Den Vertrauensverlust stoppen nur Reformen

Kolumne: Suffners Wochenschau. Thema: Zahl der Kirchenaustritte auf Rekordniveau.

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Diese Zahlen lassen sich nicht mehr schönreden. Die Austritte aus den beiden großen Kirchen in Deutschland waren 2019 so hoch wie nie zuvor. 272.771 Menschen traten aus der katholischen Kirche aus. Das sind 26 Prozent mehr als im Jahr 2018.

Bei den Protestanten wendeten sich 270.000 Gläubige ab. Das sind 22 Prozent mehr als 2018. Dieser vorläufige Höhepunkt einer seit Jahren rollenden Austrittswelle zeigt die zunehmende Entfremdung zwischen dem Mensch in seinem mit unterschiedlichsten Problemen behafteten Alltag und der Institution Kirche und ihrem überkommenen Gemeindeleben. Das zeigt sich auch im anhaltenden Rückgang des aktiven gemeindlichen Lebens, von der Taufe bis zum Gottesdienstbesuch.

Die Zahlen zeigen einen drastischen Vertrauensverlust, der auf katholischer Seite durch die Aufdeckung eines jahrzehntelangen Missbrauchs von Kindern durch Priester noch einmal dramatisch verstärkt wurde. Die Zahlen zeigen: Es gelingt dem katholischen Klerus trotz vieler Schuldbekenntnisse und Reformansätze offensichtlich nicht, neues Vertrauen aufzubauen. Das Problem in dieser gestörten Beziehung von Mensch und Institution ist dabei weniger die christliche Glaubensbotschaft, als die unverändert autoritäre, frauenfeindliche und intransparente Verfasstheit von Kirche.

"Ehrlichkeit und Transparenz würden dabei helfen, auch konkrete Antworten auf existenzielle Fragen der Zeit wie den Klimaschutz oder die Corona-Pandemie zu finden."Ulrich Suffner, Chefredakteur OM online

Vor lauter Ärger über "die" Kirche verlieren immer mehr Menschen das eigentlich attraktive Angebot von christlicher Gemeinschaft völlig aus den Augen: im Glauben dem Leben eine Orientierung zu geben.

Dieses Angebot wieder wahrnehmbarer zu machen ist die eigentliche Reformaufgabe beider Konfessionen. Ehrlichkeit und Transparenz würden dabei helfen, auch konkrete Antworten auf existenzielle Fragen der Zeit wie den Klimaschutz oder die Corona-Pandemie zu finden. Helfen würde tägliche Solidarität mit Benachteiligten, deutlich über das übliche caritative Geschäft hinaus. Helfen würde gewiss auch eine Neuauslegung der Botschaft Jesu, frei von Diskriminierung, Angstmacherei und Menschenfeindlichkeit. Das ist viel verlangt. Aber was ist die Alternative?

Noch gar nicht einzuschätzen ist der Schaden des religiösen Shutdowns der vergangenen Monate. Positiv formuliert könnte die anhaltende Pandemie wie ein Brennglas wirken und Klärungsprozesse unumkehrbar in Gang setzen. Wie wollen Christen leben? Wie beten? Wofür sinkende Kirchensteuern einsetzen? Wie Kirche reformieren?

Der Vorsitzende der katholischen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, sprach gestern angesichts der ernüchternden Austrittszahlen von mutigen Veränderungen, die nötig seien. Na dann, frisch auf zur Tat!

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