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Den Sprachforschern auf der Spur

Kolumne: Batke dichtet – Bis Ende September werden Vorschläge für das Jugendwort des Jahres gesammelt. Angesichts der Pandemie finde ich den Sieger aus 2020, "Lost", schon sehr nachvollziehbar.

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Wir haben gerade erst die erst zweite Hälfte von 2021 eingeläutet, da machen sich schon einige Sprachforscher im Auftrag eines großen Verlages daran, das „Jugendwort des Jahres“ zu ermitteln. Bis Mitte September soll der Findungsprozess abgeschlossen sein, es gibt bereits eine Vorschlagsliste. Gesucht wird der Nachfolgebegriff für „lost“, das im vergangenen Jahr proklamiert wurde.

Die Wissenschaftler wären nicht Wissenschaftler, hätten sie nicht einen präzis formulierten Katalog an Auswahlkriterien zusammengestellt. Es geht dabei unter anderem um sprachliche Kreativität, den Verbreitungsgrad des Wortes und um gesellschaftliche und kulturelle Ereignisse. Viel Kultur und viele Ereignisse gab es in der jüngeren Vergangenheit pandemiebedingt für junge Leute ja nicht, deswegen war dieses „lost“ (verloren, verschollen, verirrt) schon eine nachvollziehbare Momentaufnahme für den jugendlichen Zeitgeist.

Seit 2008 werden die Jugendwörter alljährlich ermittelt, erster Chartstürmer war seinerzeit „Gammelfleischparty“, womit Feierlichkeiten für Leute jenseits der 30 gemeint waren. Mäßig originell, möchte man meinen. Wie auch „Yolo“ (You only live once, 2011), „Smombie“ (für den ständigen Blick auf das Smartphone, 2014) oder „fly sein“ (wenn's besonders abgeht, 2015). Kritiker merken an: Das wirklich Lustige am Jugendwort des Jahres ist, dass es selbst Jugendliche kaum kennen oder gelangweilt abwinken, wenn man sie darauf anspricht.

2021 stehen Begriffe wie "sheesh" oder "cringe" auf der Vorschlagsliste

Neuer Versuch für 2021 also, und da stehen Begriffe wie „sheesh“ (Ausdruck der Erstaunens), „Cringe“ (Fremdscham, Peinlichkeit), „Digga“ (Kumpel, Freund) oder „Geringverdiener“ (scherzhafte Bezeichnung für Verlierer) zur Auswahl. Da wollen wir mal hoffen, dass dieses Sortiment nicht dem wirklichen Niveau unseres Nachwuchses entspricht.

Allerdings entdecken wir auch ein Wort unter den Vorschlägen, das wir dort nicht erwartet hätten: Es geht um das gute alte „akkurat“, seit lateinischen Zeiten („accurare“) das Synonym für gewissenhaft, gründlich, sorgfältig, penibel, exakt, genau, präzise. Sollte ich die Jugend tatsächlich unterschätzt haben?

„Und knapp vor ,Tanztee' und ,Sonntagsbraten' landete der ,Libero'“Alfons Batke

„Akkurat“ hätte ich eigentlich in einer 2014 publizierten Liste vermutet. Seinerzeit wurde dazu aufgerufen, Vorschläge für das „Seniorenwort des Jahres“ einzureichen. Interessante Zeitreise zurück – am häufigsten genannt wurden nicht etwa „Lifta“ oder „Granufink“, sondern Begriffe wie „Wählscheibe“, „Fräulein“ und „Ostzone“. Und knapp vor „Tanztee“ und „Sonntagsbraten“ landete der „Libero“.

Für alle C-Jugend-Fußballer, die im Irrgarten aus Dreier- und Fünferkette, hängendem Achter und falschen Neuner nicht klarkommen: Der Libero war im Fußballspiel der Antike der Mann, der alles durfte.
Einer aus dieser Spezies hat es gar zum Kaiser gebracht. Kein Geringverdiener, meist sehr akkurat. Ganz schön sheesh, Digga!


Zur Person

  • Alfons Batke blickt auf eine über 40-jährige journalistische Laufbahn zurück.
  • Der Autor lebt als freier Ruheständler in Lohne.
  • Den Autor erreichen Sie unter redaktion@om-medien.de.

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