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Deep Purple auf der Melodica

Kolumne: Das ganz normale Leben – Ein Rückblick auf vergangene Tage. 1972 hatte das Radio viel zu bieten. Als Kind begeisterte mich damals vor allem "Deep Purple".

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Gestatten Sie mir an dieser Stelle den diskreten Hinweis auf drei persönliche Jubiläen, die bis heute höchst erfolgreich nachwirken: Vor 30 Jahren erstand ich in einem flusigen Osnabrücker Fachhandel meinen ersten Apple Macintosh. Vor 40 Jahren heiratete mich am alten Markt zu Vechta meine Schönste, war’s nicht erst gestern? Vor 50 Jahren schließlich erschien Deep Purples LP „Machine Head“. Und weil letzteres nun auch der geneigten Leserschaft etwas mehr Unterhaltung verspricht, will ich davon räsonieren.

Im Juni 1972 war das Leben schön und bunt. Deutschland las Russland die Leviten, wenn auch nur im EM-Finale mit sauberem 3:0. Das Radio spielte „Michaela“ von Bata Illic, in der Freizeit sammelten wir als artige Grundschüler Papst-Briefmarken und übten die 320-Grad-Drehung des sensationellen Gerd Müller. Zu Pfingsten trugen die Knaben hellblaue Cord­anzüge mit gelbem Riesenkragen und arbeiteten die Felder der Trimmspirale ab, Dauerlauf zwei Kästchen, Gartenarbeit fünf, da konnte man gut mogeln.

An der Vechtaer Alexanderschule waren die Neuntklässler an sich im Frühjahr verabschiedet worden, hingen aber an sonnigen Nachmittagen gern auf dem Pausenhof ab, rauchten Roth-Händle und machten auf dicke Hose. Der Wortführer unter ihnen fuhr Kreidler, trug Lederjacke und stets einen Philips-Kassettenrecorder bei sich, in schwarzer Hülle mit mondänen Klanglöchern. Daraus erscholl geheimnisvolle Musik, die mir wenig sagte, „Sacramento“ von Middle of the Road etwa oder Daniel Boones „Beautiful Sunday“, was sollte man denn damit?

"Nun ist das Riff dieses Gassenhausers derart simpel und einprägsam, dass man sich wundert, warum kein Mensch vorher darauf kam."Christian Bitter

An einem Samstag endlich, die Sirene auf dem Schuldach hatte gerade ihren 12-Uhr-Test ausgeheult, spielte der Oberangeber ein erstes Stückchen Heavy Metal, ganz neue Ware, die man in dieser Wucht nie zuvor gehört hatte: „Smoke on the water“ hieß das Lied, vorgetragen von einem englischen Quintett namens „Deep Purple“, das klang nach Drogen und Hippies und verbotenem Tun, Kinder, guckt da nicht so hin.

Nun ist das Riff dieses Gassenhausers derart simpel und einprägsam, dass man sich wundert, warum kein Mensch vorher darauf kam. Spätestens zur Olympiade 72 konnte es jeder summen, pfeifen oder schreien. Ich übte es zu Hause auf dem Schimmel-Klavier, das klang ganz passabel, hatte aber keinen Wumms.

Dann kam der 11. Geburtstag von Norbert, da gab es Topfschlagen und Schokolade mit Messer und Gabel und gepflegte Langeweile, bis der Patenonkel sein Geschenk überreichte, eine Hohner Melodica, mit Mundstück oben und Puppenklavier-Tasten unten. Nach dem Anblasen erster poltriger Kinderlieder beeindruckte der Onkel mit einem souveränen Vortrag von „Smoke on the water“ auf der Melodica. Wir ahmten die Kunst ein Jahr später erfolgreich nach („My woman from Tokyo“) und wollten Popstars werden. Daraus ist bekanntermaßen nichts geworden; wer weiß, wozu es gut war?


Zur Person:

  • Christian Bitter ist Chef der Werbeagentur Bitter & Co. in Calveslage.
  • Er studierte Germanistik und war Leiter der Werbe-Redaktion der OV.
  • Den Autor erreichen Sie per E-Mail an: redaktion@om-medien.de.

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