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Das kraftvolle Ende einer großartigen Reihe

Seit fast 30 Jahren hat die Kunst ihren festen Platz in der JVA für Frauen in Vechta. Das wird so bleiben, auch wenn dort mit „Neue Eindrücke“ die 125. und letzte ARTi.G.-Ausstellung zu sehen ist.

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Neuinterpretationen bekannter Werke: Arbeiten von Natasha N. (rechts oben und unten) zu Tizians „Diana und Actaeon“ und (links) zu Olympia von Édouard Manet. Petra Huckemeyer, Leiterin der JVA für Frauen, ist von der Ausstellung begeistert.   Foto: Köhne

Neuinterpretationen bekannter Werke: Arbeiten von Natasha N. (rechts oben und unten) zu Tizians „Diana und Actaeon“ und (links) zu Olympia von Édouard Manet. Petra Huckemeyer, Leiterin der JVA für Frauen, ist von der Ausstellung begeistert.   Foto: Köhne

Es ist eine Ausstellung, die den Betrachter gut gelaunt entlässt. Dabei sitzen die Künstlerinnen der Arbeiten hinter Gittern. Die 125. ARTi.G.-Ausstellung (Kunst im Gefängnis) ist eine farbenprächtige, fröhliche Werkschau unter dem Titel „Neue Eindrücke“. Gleichzeitig ist sie das Ende einer Ausstellungsreihe, die dem JVA-Standort Vechta nicht nur in der Kreisstadt selbst, sondern auch regional, bundesweit und international immer wieder positive Resonanz beschert hat. Und das seit fast 30 Jahren.

Ziel der Ausstellungen, die den langen Flur im historischen Trakt der JVA (Justizvollzugsanstalt) für Frauen auf unterschiedliche Weise geschmückt und bereichert haben, war es, den Justizvollzug ein Stückchen zu öffnen. Die Gesellschaft als kunstinteressiertes Publikum wurde in die Einrichtung geholt und kam mit den Insassinnen in Kontakt. Diese konnten so an ihrer Sozialverträglichkeit arbeiten. „Das geht nicht, wenn man nur weggesperrt ist“, sagt Petra Huckemeyer, die stellvertretende Leiterin der JVA für Frauen in Vechta. „ARTi.G. hat geholfen, Mauern und Grenzen zu überwinden – vor allem in unseren Köpfen.“

Kunst soll positive Wirkung entfalten

Huckemeyer hat ARTi.G. von Anfang an begleitet. Schließlich war sie es, die die Idee aus Oldenburg mitbrachte, der Kunst auch im Gefängnis einen Platz zu bieten und mit ihrer positiven Wirkung zu arbeiten, als sie ihren Dienst in Vechta antrat. Im Vorfeld der ersten ARTi.G.-Ausstellung 1993 sei noch „Klinkenputzen“ nötig gewesen. Aber die Umsetzung kam an, und die Ausstellung wurde schnell zum Selbstläufer. „Wir hatten keinen Mangel an Künstlern und Ideen.“

Der Ursprung der Welt: Rieke S. interpretiert das Original (1866) von Gustave Courbet (von links) als Collage, als Collage mit Filzstift und mit Aquarellstiften auf Papier.  Foto: KöhneDer Ursprung der Welt: Rieke S. interpretiert das Original (1866) von Gustave Courbet (von links) als Collage, als Collage mit Filzstift und mit Aquarellstiften auf Papier.  Foto: Köhne

Viele Künstler und Künstlerinnen boten an, nachdem sie hinter den Gefängnismauern ihre Werke präsentiert hatten, gemeinsam mit den Insassinnen zu arbeiten. So kam es regelmäßig zu Workshops und Gemeinschaftsausstellungen mit inhaftierten Frauen. Gemeinsame Projekte gab es auch mit Studierenden. Auch hier wurden die Ergebnisse der Öffentlichkeit präsentiert. Ein Drittel der Ausstellungen bestückten laut Huckemeyer Künstler, ein weiteres Drittel Künstlerinnen und das restliche Drittel Künstlergruppen. An einem Fünftel aller Ausstellungen seien Insassinnen beteiligt gewesen.

Dem Wunsch, der Einrichtung eine ihrer Arbeiten zu überlassen, kam die Mehrheit der ausstellenden Künstler und Künstlerinnen nach. „So besitzen wir heute eine Kunstsammlung, die bunter und vielfältiger nicht sein kann“, sagt Huckemeyer. Einmal habe man sogar die komplette Ausstellung erhalten. Viele der Insassinnen überließen ihre Arbeiten bei der Entlassung ebenfalls der Einrichtung.

"Aus dem Fundus der ARTi.G.-Artothek können alle JVA-Mitarbeiter am Standort Vechta Kunst für ihre Diensträume ausleihen."Petra Huckemeyer

Was tun mit so viel Kunst? In der JVA verstaubt sie nicht in einem Verließ, sondern schmückt Büros und Behandlungsräume. „Aus dem Fundus der ARTi.G.-Artothek können alle JVA-Mitarbeiter am Standort Vechta Kunst für ihre Diensträume ausleihen.“ Davon werde auch sehr viel Gebrauch gemacht. Das freut Huckemeyer. Denn für sie ist Kunst auch eine Form der Wertschätzung. Gemälde oder Skulpturen, die den Alltag verschönern und den Arbeitsplatz zu einem besonderen machen, können zur Zufriedenheit der Mitarbeiter beitragen.

Umgang mit Papier, Farbe und Pinsel für viele Neuland

Seit 2015 arbeitet mit Teréz Fóthy eine Kunsttherapeutin mit den inhaftierten Frauen zusammen. Viele von ihnen sind schwer traumatisiert, waren Opfer, bevor sie zu Täterinnen wurden. Der Umgang mit Papier, Pinsel und Farbe ist für sie ungewohnt, für nicht wenige sogar Neuland. Um so erstaunlicher, was in der aktuellen Ausstellung „Neue Eindrücke“, die am 17 Februar endet, zu sehen ist.

Die Frauen haben sich mit Werken aus dem 16. bis 19. Jahrhundert auseinandergesetzt. Die Bilder, die von männlichen Künstlern wie Lovis Corinth, Pablo Picasso, Édouard Manet oder Jean-León Gérôme stammen und den voyeuristischen Männerblick auf die Rolle der Frau in der Malerei freigeben, haben die Frauen übermalt, beziehungsweise neu gemalt. Auf beeindruckende Weise sind so Bilder entstanden, die allesamt starke, selbstbewusste Frauen zeigen. Die Männer nehmen in den Interpretationen keine dominierende Rolle mehr ein, aus einigen Bildern sind sie ganz verschwunden.

Freude an der Farbe: Kraftvolle und selbstbewusste Selbstporträts der ausstellenden Frauen.   Foto: KöhneFreude an der Farbe: Kraftvolle und selbstbewusste Selbstporträts der ausstellenden Frauen.   Foto: Köhne

Ihre Interpretation der Werke haben die Frauen auch fotografisch nachgestellt. Wie die teils großformatigen Arbeiten mit Farbe zeigen auch diese scheinbaren Schnappschüsse eine unglaubliche Akribie und Freude an der Auseinandersetzung mit der Aufgabe. Mit ihr, der künstlerischen Gestaltung, können die Frauen sich aus ihrer festgeschriebenen Rolle befreien, die Welt aus einer neuen Perspektive sehen.

Auf die Frage, warum so eine großartige Ausstellungsreihe wie ARTi.G. jetzt endet, nachdem sie 125-mal als Türöffner für den Austausch zweier Welten, der vor und der hinter Gittern, so erfrischend und zugleich erfolgreich gewirkt hat, gibt „Neue Eindrücke“ keine Antwort. Aber Petra Huckemeyer: „Wenn es am schönsten ist, muss man aufhören.“ Wer in die kraftvollen, selbstsicheren Selbstporträts der Ausstellenden blickt, weiß: Recht hat sie. Denn ein Ort, an dem Kunst geschätzt, mit Kunst gearbeitet wird, bleibt die JVA für Frauen in Vechta nach 30 Jahren ARTi.G. so oder so.


Fakten:

  • Die 125. ARTi.G.-Ausstellung „Neue Eindrücke“ ist noch bis zum 17. Februar zu sehen.
  • Ein Besuch der Ausstellung ist jeweils donnerstags von 18 bis 19 Uhr möglich.
  • Wegen der begrenzten Personenzahl ist allerdings eine vorherige, verbindliche Anmeldung unter Telefon 04441/91600 am Besuchstag bis spätestens 18 Uhr erforderlich.
  • Für den Einlass gilt die 3G-Regel mit Nachweis sowie die Vorlage eines gültigen Personalausweises. Während des Aufenthaltes ist eine FFP2-Maske zu tragen.
  • Ein Katalog zur 125. Ausstellung von ARTi.G. ist bei der Buchhandlung Vatterodt in Vechta erhältlich. Er trägt den Titel „Aufbruch – Übergänge – Wendepunkt“.

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