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Das digitale Glück

Kolumne: Auf ein Wort  – Kann uns eine App glücklich machen? Oder ist sie nur ein perfider Werbetrick? Laut Kirchenvater Augustinus gibt es sogar mehrere Arten von Glück. Und was stimmt jetzt?

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Das digitale Zeitalter ermöglicht immer mehr neue Formen der Selbstüberwachung. Mithilfe von Apps und Bewegungssensoren können Körperfunktionen überwacht werden. In dem Film "Die zwei Päpste" sieht man sogar Papst Benedikt, der sich von seiner Smartwatch die Schritte zählen lässt. Seinem späteren Nachfolger, der ihm gegenübersteht, erklärt er dieses Wunderwerk der Technik. Immer mehr Joggingfans oder anderweitig sportlich Aktive nutzen diese digitalen Möglichkeiten. Warum auch nicht? Inzwischen werden allerdings auch Glücks-Apps angeboten, die unsere Gefühlsstatistik überwachen sollen. Habe ich heute genügend angenehme Gefühle entwickelt, an etwas Schönes gedacht, häufig genug gelacht oder wenigstens möglichst viele Menschen angelächelt? Aber lässt sich Glück auf diese Weise messen? Besteht das Glück aus der Summe meiner positiven Gefühle?

Manche Anbieter haben auch Kategorien, die einzelne Glücksbereiche unterscheiden: "Arbeit und Freizeit", "Finanzen", "Liebe und Intimität", "Familie und Kinder". Und dann wird die Kundschaft zu Online-Wettbewerben aufgefordert: In digitalen Gemeinschaftszonen soll es einen Austausch darüber geben, wer glücklicher ist. Das dürfte auf die Dauer wohl der sicherste Weg sein, um todunglücklich zu werden. Wie sagt ein altes Sprichwort? Der Vergleich stammt vom Teufel!

"Glück hat mit dem zu tun, was mich die vorübergehende Zeit für einen Augenblick vergessen lässt. Auf diese Augen-Blicke kommt es an."Dr. Marc Röbel

Außerdem geht es den digitalen Anbietern dabei nicht allein um unser Glück. Die gewonnenen Daten sind wertvolle Informationen, die in Großstatistiken einfließen. Auf diese Weise werden Verhaltensprofile erstellt, die im besten Falle der Marktforschung dienen. Das ist digitale Massenüberwachung. Wenn Sie mich fragen: Hände weg von der Glücks-App!

Aber wie finden wir dann den Weg zum Glück? Die Frage ist fast so alt wie die Menschheit. Der Philosoph und Kirchenvater Augustinus hat die unterschiedlichen Glücksangebote seiner Zeit einmal unter die Lupe genommen. Als er seine Liste fertig gestellt hat, stöhnt er beinahe auf: Er kommt auf 288 unterschiedliche Arten von Glück! Etliche davon hat er selbst ausprobiert. Welche Glücksart ist die richtige für mich? Eine wichtige Erfahrung für ihn war: Glück hat mit dem zu tun, was mich die vorübergehende Zeit für einen Augenblick vergessen lässt. Auf diese Augen-Blicke kommt es an. Wir finden sie in der Begegnung mit der Natur, mit einem Musikstück, das wir aufmerksam hören, im Gespräch oder im Gebet.

Der jüdische Philosoph Martin Buber wird das viele Jahrhunderte später so formulieren: Alles wirkliche Leben ist Begegnung! Nicht nur digital, sondern am besten real; nicht am Touchscreen, sondern live, dreidimensional, in Echtzeit. Das wäre eine erste Spur für meine persönliche Glücksbilanz am Abend: Ich habe heute viel gesehen und gehört. Wem bin ich wirklich begegnet?


Zur Person

  • Pfarrer Dr. Marc Röbel ist Geistlicher Direktor der Katholischen Akademie in Stapelfeld.

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