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#CarpeNoctem – Die Nacht als Reset-Knopf und Rückzugsort

Kolumne: Irgendwas mit # – Sie ist das Gegenstück zum Tag. Bereitet Sorgen und nimmt sie. Wir können ohne sie nicht leben. Doch verdrängen wir sie immer mehr. Dabei hat die Nacht auch ihr Gutes.

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Sanft legt sie sich wie ein Schatten übers Land. Sie ist die dunkle Schwester des Tages. Mächtig und mystisch. Einige fürchten sie, andere brauchen sie. Wenn unser Teil der Erde sich in ihren Kernschatten hineindreht, bricht die Dunkelheit über uns ein. Dann ist sie da: die Nacht.

Oft ist es nur der Mond, der mit seinem Licht die Stille der Finsternis bricht. Doch die Düsterkeit und ihre Schatten sind auch da, uns zu befreien: von den Regeln des (All-) Tages. Frei von den Augen anderer. Im Gegensatz zum Tag fordert sie nicht. Keine Verpflichtungen. Und doch lässt sie einen hochproduktiv werden – ob träumend oder wach. Die Nacht schafft Ruhe – und löst jede Fassade in Luft auf. Das muss Charles Dickens festgestellt haben, als er eines Nachts durch die Straßen Londons flanierte. Vor einer Nervenanstalt stellte sich ihm die Frage, ob nicht alle Gesunden und Geisteskranken letztlich ebenbürtig sind. Sind sie doch alle in der Nacht mehr oder weniger in der gleichen Verfassung.

Der Schatten der Nacht schwindet mit dem künstlichen Licht

Die Dunkelheit schärft die Sinne. Macht kreativ. Verwegener. Und löst die Bänder aller Korsetts. Sinnieren, entspannen, genießen, die Zeit, Zeit sein lassen. All das ist tagsüber kaum möglich. Das lateinische Carpe Diem – nutze den Tag – verbietet es. Die Fleißigen haben damit kein Problem. Für sie ist die Finsternis eher ein Graus. Die Nimmermüden waren es, die dafür sorgten, dass die Nacht zu einem Schatten wird, der schwindet. Mit der Erfindung des künstlichen Lichts ist nachts alles möglich: Surfen, shoppen, tanzen, trinken – lieben. Der blaue Planet wird zur Stadt, die niemals schläft. Faszinierend: Die Menge an Licht, die in der Nacht ausgestrahlt wird, verdoppelt sich alle 11 Jahre. Vielleicht wird es bald keine Schatten mehr geben.

Die Folge: Schlafstörungen und Komplikationen des eigenen Organismus. Wir werden krank. Davor warnten Mediziner schon lange. Und doch drängen wir die Nacht von uns weg. Und das, obwohl wir ohne sie nicht leben können.

"Wir sollen die Nacht schätzen lernen – und sie nicht ignorieren. Wer meint, erst schlafen zu müssen, wenn er tot ist, verpasst bereits zu Lebzeiten echte Qualität."Max Meyer, Volontär

Sie ist da, um unsere Akkus wieder aufladen zu lassen. Sie lässt uns die Möglichkeit, Dinge nochmal zu überdenken, um sie am Folgetag in klarem Licht sehen zu können. Sie schafft es, manchen Ärger des Vortags vergessen zu machen. Sie sorgt für Vorfreude, wenn wir am kommenden Tag Geburtstag haben. Sie zieht den Stecker raus. Die Dunkelheit kennt sich aus. Fehlschritte und Ungeduld verschwinden in ihr. Sie ist keineswegs der böse Zwilling des Tages. Die Nacht ist die Quelle der Jugend, indem sie uns regenerieren lässt. Sie ist das Gegenteil vom Tag – und daher unabdingbar.

Wir sollen die Nacht schätzen lernen und sie nicht ignorieren. Wer meint, erst schlafen zu müssen, wenn er tot ist, verpasst bereits zu Lebzeiten echte Qualität. Drum #CarpeNoctem: als Reset-Knopf und Rückzugsort – in freudiger Erwartung auf den nächsten Tag.


Zur Person:

  • Max Meyer ist Volontär der OV.
  • Den Autor erreichen Sie unter info@ov-online.de

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