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Cancel Culture – Bei Meinungsfreiheit gilt: entweder ganz oder gar nicht

Politisch korrekte Witze oder übers Ziel hinaus? Wenn's nach Cancel Culture geht, gibt's keine zwei Meinungen – Ein Widerspruch in sich.

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Was haben Comedians wie Lisa Eckhart, Dieter Nuhr und Serdar Somuncu mit Journalisten wie Julian Reichelt, Ulf Poschardt und Don Alphonso gemeinsam? Sie eckharn an. Nicht Nuhr bei der politischen Linken. Auch bei gemäßigt Konservativen. Oder deren skrupellosen Freunden. Julian und Ulf. Ein Herz und eine Seele – blindes Verständnis. Weil sie Dinge aussprechen, die unbequem, unangenehm, für manche sogar unangebracht oder unhaltbar sind.

Auf alle Fälle berühren sie Menschen. Spielen mit deren Reizen. Sie säen Wind. Ernten Sturm. Bewusst. Stets an der politischen Korrektheit vorbei. Provokationen. Und dafür werden sie gescholten. Wie unlängst Janine Kunze und Thomas Gottschalk in der WDR Talkshow "Die letzte Instanz" zum Thema Rassismus. Kunze meinte das Wort "Zigeuner" nicht rassistisch – auch wenn das die "2 bis 3 Leute" beim Zentralrat der Sinti und Roma anders sehen. Über ihr offensichtliches Desinteresse in puncto Rassismus konnte sie jedoch nicht hinwegtäuschen, als sie sagte: "Ich bin blond und habe große Brüste – was meinen Sie wohl, was ich schon alles einstecken musste?"

Außerdem glaubt Thomas Gottschalk zu wissen, wie es sich anfühlt, ein Schwarzer unter vielen Weißen zu sein. Immerhin hat er sich mal schwarz angemalt und war als Jimi Hendrix verkleidet auf 'ner Party in Beverly Hills. Inzwischen alles entschuldigt. Aber zum Zeitpunkt der Aussprache: Unerhört. Oder? Wenn Sie glauben ja, dann geben Sie dem folgenden Vergleich erstmal eine Chance.

Der mittelalterliche Mob läuft jetzt online bei Instagram, Twitter und Co

Der Schauspieler Rowan Atkinson, vielen besser bekannt als Mr. Bean, beschreibt die Cancel Culture als einen mittelalterlichen Mob. Bloß digitalisiert. Online wird gesagt, wen es zu reglementieren gilt. Nicht mit Fackeln und Forken, sondern mit Twitter, Instagram oder Facebook. Solche wie Hinz und Kunze. Der Schalk im Nacken Gottschalks. Gesucht und gefunden. Und dann: Lagerdenken. Entweder Oder. Schwarz-Weiß. Und das, obwohl die politische Linke stets für Vielfalt wirbt. Doch nur dann, wenn sie all ihren Werten entspricht. Ansonsten wird munter drauf losgecancelt.

"Humor ist grundlegend kritisch. Das heißt nicht, dass einem jeder Witz gefallen muss. Und doch kann man ihn aushalten."Max Meyer, Volontär

Darf man das sagen? "Ja? Nein? Oh!" à la Louis De Funes. Ist diese Form von Humor zulässig? Wenn’s nach Monty Python Legende John Cleese geht: eindeutig ja. Denn: Humor ist grundlegend kritisch. Das heißt nicht, dass einem jeder Witz gefallen muss. Und doch kann man ihn aushalten. Und wenn nicht, ist Kritik ein legitimes Mittel, anstatt Künstlern Fesseln anlegen zu wollen. Gesetz Voltaire: Du bist anderer Meinung als ich und ich werde dein Recht dazu bis in den Tod verteidigen. Das geht nur im Diskurs. Und diesen Diskurs droht die Cancel Culture zu töten.

Meine Meinung: Blackfacing (sich als Weißer schwarz anmalen), sexistische Witze, N- und M-Wort usw. müssen nicht sein. Doch sie passieren. Und offenbaren, wer niveaulosen Humor macht. Verboten werden dürfen sie dennoch nicht: Mit einer harten Cancel Culture geht nämlich eine kollektive Zensur einher, die die Meinungsfreiheit gefährdet. Und dazu gehört, auch Meinungen auszuhalten, die nicht auszuhalten sind.

Konfuzius: Frag 10 Leute und du kriegst 10 Antworten

Davon scheinen wir im Netz weit entfernt. Wir wollen aufschreien. Uns angesprochen fühlen. Reagieren. Eindreschen. Zurechtweisen. Zeigen, dass unsere Meinung die bessere ist. Wir laufen durch unsere virtuelle Straße, sehen ein Schild mit der Aufschrift "Gitarrenstunden, 30 Euro pro Stunde, Nummer xxx", greifen zum Hörer und brüllen: "Ich will keinen Gitarrenunterricht, Sie A****"; anstatt weiterzugehen. Und das alles wegen unserer Meinung, die ja stets die richtige ist. Konfuzius wusste: Frag 10 Leute und du kriegst 10 Antworten. So ist das eben mit der Meinungsvielfalt: Ganz oder gar nicht.


Zur Person

  • Max Meyer ist Volontär der OV.
  • Den Autor erreichen Sie unter info@ov-online.de

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