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Camping Forever erzählt die Geschichte von zwei Fremden und einem Wohnwagen

Das episodenhafte Theaterstück von Jan Schuba ist gespickt mit witzigen Dialogen. Die Aufführung ist eine Metapher auf das Leben und eine Hommage an Europa. Petra Nadolny reüssiert in 7 Rollen.

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Jana Koch als Wiebke, als Nils und Petra Nadolny in sieben Rollen spielen akurat und mit Begeisterung ihre Rollen in Camping Forever.  Foto: Heinzel

Jana Koch als Wiebke, als Nils und Petra Nadolny in sieben Rollen spielen akurat und mit Begeisterung ihre Rollen in Camping Forever.  Foto: Heinzel

Jana Koch ist eine sympathische, offene, leicht chaotische Krankenschwester, Quasselstrippe. Und Reise-Vloggerin Wiebke trifft auf Lehrer Nils – organisiert, wenig spontan, intellektuell und mit Reiseschreibmaschine. Der nicht unsympathische Besserwisser und die empathische Chaotin müssen sich zusammenraufen, da sie den letzten verbliebenen Wohnwagen – das „Schwalbennest“ – für den gleichen Zeitraum gemietet und zugesprochen bekommen haben. Ein Fehler der Berliner Kodderschnauze Mandy Koch (Petra Nadolny). Das Ergebnis: Beide fahren gemeinsam auf eine 4-wöchige Europatour. „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“, meint Nils. Und Wiebke fährt fort: „Der uns beschützt und der uns hilft“. Nils meint dazu überrascht: "Sie kennen Hölderlin?" Worauf Wiebke nur meint: „Ich denke, es ist Hermann Hesse.“

„Camping Forever“ heißt das Stück. Regisseur Jan Schuba inszenierte die Komödie von Frederik Holtkamp. Das Ensemble der „Komödie am Altstadtmarkt“ aus Braunschweig brachte nun das Gute-Laune-Stück ins Vechtaer Metropol-Theater. Die Geschichte entfaltet sich episodenhaft über kurzweilige Szenenbilder. Sie werden jeweils über landestypische Melodien und Radioschnipsel eingeleitet. Und so sitzen Wiebke und Nils auf einem Autobahnparkplatz in Südtirol, flirten im französischen Avignon, fackeln im österreichischen Zillertal im Liebestaumel fast den Wohnwagen ab, in Griechenland kommt Tochter Sophia zur Welt und im verregneten Schottland wird geheiratet.

Die Inszenierung spielt dabei mit Klischees und spitzt sie zu. So treffen wir in Frankreich auf eine Flirtlehrerin, die einen Ratgeber mit dem Titel "Die Kunst des Flirtens" geschrieben hat. Es ist herrlich zu beobachten, mit welch diebischer Freude Petra Nadolny hier den armen Nils auf die Probe stellt, der sich flirttechnisch unbedarft anstellt und sich daher entsprechend windet. In Griechenland ist es etwas durchwachsener. Als unglaublich freundlich und gastfreundlich dargestellt, sagt Sofia Kolidis (Petra Nadolny): „Wir müssen nur Steuern zahlen und sterben. Wobei – mit den Steuern nehmen wir es nicht so ernst.“ Es ist trotz allem eine liebevolle Hommage an die Vielfältigkeit, den Zusammenhalt und die Freiheiten Europas.

Unterschiedliche Länder, unterschiedliche Dialekte und entsprechend viele Rollen für Petra Nadolny (links). Hier als Mandy Koch zusammen mit Ludwig Hohl als Lehrer Nils. Foto: Heinzel
Jana Koch spielt Krankenschwester Wiebke die einen Reise-Vlog auf Instagram führt. Foto: Heinzel
Nils (Ludwig Hohl) und Wiebke (Jana Koch, mitte) teilen sich gezwungenermaßen den Wohnwagen Schwalbenest auf ihrer 4-wöchigen Tour durch Europa. Mandy Koch (Petra Nadolny, rechts) hatte in doppelt vergeben. Foto: Heinzel
Was sich neckt, das liebt sich: Wiebke (Jana Koch) macht Nils (Ludwig Hohl) zum Teil ihres Reise-Vlogs. Foto: Heinzel
Nils (Ludwig Hohl) und Wiebke (Jana Koch) haben auf ihrer Reise durchaus einige persönliche und reisetechnische Hürden zu überwinden. Foto: Heinzel
Die Kunst des Flirtens: Der ungeübte Nils (Ludwig Hohl) windet sich ein wenig bei den Avancen von Monique Garnier (Petra Nadolny), die einen Flirtratgeber geschrieben hat. Foto: Heinzel
Nils (Ludwig Hohl) entwickelt sich weiter aus einer Schreibmaschine und einem Reiseratgeber wird ein Kulinarischer Vlog. Foto: Heinzel
Frauenpower: Petra Nadolny (links) und Jana Koch spielen ihre Rollen nuanciert und mit Verve. Foto: Heinzel

Den Schauspielern bei ihrem Wirken zuzusehen, ist ein Genuss. Akkurat und nuanciert spielen die drei sich gegenseitig die Bälle zu. Die dialogartigen Witze und Missverständnisse verstärken die Schauspieler gekonnt durch Gestik, Mimik und Aussprache. Petra Nadolny zeigte ihre Variabilität und Wandlungsfähigkeit in gleich 7 Rollen. Ludwig Hohl scheint der sympathische Spießer auf den Leib geschrieben. Wohingegen Jana Koch einen jungen, frischen, unbekümmerten, lebensfrohen menschlichen Wirbelwind mit einem VW Käfer namens Kröte sowie einem Reise-Vlog glaubwürdig, mitreißend und nahbar verkörpert.

Die Geschichte des Wohnwagens und der Reise ist durchaus eine Metapher für das Leben und aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen. „Er hat meinen Namen angenommen, deswegen trägt er einen Rock“, meinte Wiebke nach der Hochzeit. Es ist ein Gute-Laune-Stück, das dem Besucher auch die Gelegenheit gibt, über einiges nachzudenken. „Als Mutter fehlen einem oft die erwachsenen Gesprächspartner“, sagt ebenfalls Wiebke kurz bevor die „Hölle Ausgang hat“, also die Schwiegermutter zu Besuch kommt.

Was sich neckt, das liebt sich: Wiebke (Jana Koch) und Nils (Ludwig Hohl) sind zwei gegensätzliche Charaktere, die auf ihrer Tour durch Europa mehr als nur Sympathie füreinander entwickeln. Foto: HeinzelWas sich neckt, das liebt sich: Wiebke (Jana Koch) und Nils (Ludwig Hohl) sind zwei gegensätzliche Charaktere, die auf ihrer Tour durch Europa mehr als nur Sympathie füreinander entwickeln. Foto: Heinzel

Ein paar Fragen bleiben offen und werden leider nicht beantwortet. Was passiert beispielsweise mit der Karriere von Wiebke? Endet die Geschichte in der traditionellen Rollenverteilung mit Nils als Brotverdiener in einem traditionellen Job, und zwar als Redakteur bei einem Bildungsverlag? Trotzdem kann definitiv eines gesagt werden – und zwar mit einem abgewandelten Filmzitat, das Wiebke und Nils zum Start ihrer „Tour d'Europe“ prägen: „Ich glaube, es ist der Beginn eines ganz besonderen Urlaubs!“ Sehenswert, amüsant und ein klein bisschen nachdenklich.

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