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Auch das Licht haben wir nicht mehr unter Kontrolle

"Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht", heißt es in der Schöpfungsgeschichte. Was aber, wenn das Licht nicht mehr "gut" ist, sondern die Welt entzaubert?

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Manuel Clemens

Manuel Clemens

Wir leben in einer aufreibenden Zeit. Nicht nur, dass auf der Bühne der großen Politik in manchen Momenten eine Demokratie zu erodieren scheint oder Corona diese Bühne komplett für sich beansprucht, sondern auch im Kleinen zeigt sich ein neuer Verlust: Auch das Licht haben wir nicht mehr unter Kontrolle. Auf den Straßen ist es oft zu hell, zu grell, zu weiß und zu kalt. Auto- und Radfahrer mit LED-Leuchten überbelichten ihre Umgebung und in manchen Innenräumen ätzt sich das Weiß durch den Raum wie sonst nur in Tiefgaragen.

Dieser aggressive Lichtkegel greift mittlerweile auch auf Klassiker über und integriert sich in die Populärkultur. In Rom ist selbst das Kolosseum teilweise kalt-weiß ausgeleuchtet und in der süßen Netflix-Serie „Emily in Paris“ läuft die Protagonistin in einer überromantischen Schlüsselszene durch eine kleine Gasse, die ziemlich genau dem Gegenteil entspricht, wie sich Balzac eine Gaslaterne vorgestellt hätte. Man möchte schon gar nicht mehr wissen, was erst passiert, wenn zur Weihnachtszeit wieder der Lichterschmuck auf die Straßen kommt.

"Früher war gewiss auch nichts besser. Aber man musste sich immerhin keine Gedanken über das Licht machen, da es nicht störte."Dr. Manuel Clemens

Schon etwas ältere Generationen bemerken vielleicht jetzt erst, was man den Franzosen angetan hat, also man ihnen in den 1990er die tiefgelben Autolampen verbot. Am anderen Ende erhalten vielleicht einige der jüngeren „Digital Natives“, die ja die Welt vor dem Internet nicht kannten und das „Neue“ der neuen Medien niemals als ungewohnt empfanden, vielleicht ihr historisches Momentum: Die Erfahrung, dass es ein Vorher und ein Nachher geben kann, man dem Vorher hinterhertrauert und deshalb in der Gegenwart etwas versteift.

Früher war gewiss auch nichts besser. Aber man musste sich immerhin keine Gedanken über das Licht machen, da es nicht störte. Man konnte es genauso wenig steuern, wie man die Dunkelheit anders hätte einstellen können. Es gab ein paar Varianten bei den Glühbirnen und für die Städte wäre eine allzu hohe Lichtintensität viel zu teuer gewesen. Mit dem billigen LED-Licht fing man an, aus dem Vollen zu schöpfen, ohne dass man auch über die sinnvollen Grenzen dieser Intensität nachdachte.

"Gilt für die kosmopolitische „Creative City“ zwar eher das Gebot, Brücken, Gebäude und Landschaften künstlerisch auszuleuchten, könnte hier ein neuer Identifikationsfaktor hinzukommen: sanfte Lichtquellen."Dr. Manuel Clemens

Momentan scheint es aber wenig Kritik zu geben. Alles ist erlaubt. Neben der (bewusst) orange ausgeleuchteten Bar, kann ein Kiosk den Bürgersteig weiß-blau fluten und sämtliches Stilwollen wieder kassieren. Das Gute ist nur, dass die Gemütlichen gerüstet sind. Vielleicht war der Hipster der letzten Jahre jemand, der sich unbewusst auf eine Zeit vorbereitet hat, in der die luminöse Kahlheit zuschlägt. Einen legitimeren Ästhetizismus hätte es schon lange nicht mehr gegeben; die Manifeste dazu fänden sich auf Instagram.

Das beiläufige, „normale“ Ausleuchten könnte – neben viel Kunst, großzügigen Parkanalgen und distinguierter Architektur –, in Zukunft durchaus zu einem Kriterium in der Stadtplanung und für den Tourismus werden. Gilt für die kosmopolitische „Creative City“ zwar eher das Gebot, Brücken, Gebäude und Landschaften künstlerisch auszuleuchten, könnte hier ein neuer Identifikationsfaktor hinzukommen: sanfte Lichtquellen. Bis dahin macht man Städtereisen am besten hauptsächlich tagsüber, weil man nicht weiß, was nachts einen dort erwartet. Ästhetisch betrachtet ist das wie die Angst beim Betreten eines Parks nach Anbruch der Dunkelheit: So richtig möchte man dort nicht mehr rein, wenn man nicht weiß, wo die friedlichen Ecken sind.

"Taghelle Weißheit markiert die Nicht-Orte auch noch nachts, egal ob nur aus Nachlässigkeit oder tatsächlicher Armut, die sich um ihre Umgebung noch nie gekümmert hat."Dr. Manuel Clemens

Im ästhetischen Sinne waren die Nächte früher weniger bedrohlich. „Nicht-Orte“, die nur für den Transit und keineswegs zum längeren Aufenthalt gedacht sind, konnten nachts auf eine einfache Art schön werden, weil Laternen ihre Unwirtlichkeit ausblendeten. Man spürte dort dann eine Landschaft. Mit der Dämmerung waren die Straßen so automatisch warm ausgeleuchtet und es legte sich über viele dieser Orte eine wohlwollende Gleichheit. Auch Bänke an langweiligen Haltestellen, ideenlose Plätze, klitzekleine Verkehrsinseln mit ein bisschen Grün oder Treppenstufen von Bürogebäuden konnten dann zum Verweilen einladen, banale Wohn- oder Industriegebiete zum Spazieren.

Jetzt benennt das Licht die Unterschiede. Taghelle Weißheit markiert die Nicht-Orte auch noch nachts, egal ob nur aus Nachlässigkeit oder tatsächlicher Armut, die sich um ihre Umgebung noch nie gekümmert hat. Diejenigen aber, die irgendwann ungläubig feststellten, dass tatsächlich auch die Qualität des Lichts abnehmen und zur Entzauberung der Welt beitragen kann, gestalten ihre Beleuchtung aktiver und das Resultat werden designte Lichtorte sein, die insular markiert und weniger frei zugänglich sind. Für den öffentlichen Raum fühlt sich entweder niemand zuständig oder man lacht über sich selbst bei der Vorstellung, zu einer Behörde zu gehen, um herauszufinden, wer denn in seinem Bezirk für die Lichttechnik zuständig ist.

"Nur ein kleines Licht erzeugt Heimat."Dr. Manuel Clemens

Was tun? Auf die Kreativen hoffen oder die kommenden Jahrgänge der Literaturstipendiaten in der Villa Massimo, von denen einige vielleicht so über das neue römische Licht schreiben werden wie einst Rolf Dieter Brinkmann auf diese Stadt geblickt und dort vor allem Müll gesehen hat? Warten, dass sich etwas ändert? Letzteres hat bisher nur bei einer Kurzversion des LED-Lichts funktioniert und auch noch nicht für Menschen: Wenn man im Louvre vor der Mona Lisa oder in Rom unter der Kuppel der Sixtinischen Kapelle steht, ist das Blitzlicht der Fotoapparate verboten, weil es der Kunst schadet.

Der Radius des tausendfach verdichteten Blitzlichts ist für den Menschen um ein Vielfaches größer. Das sieht man, wenn man aus einem Flugzeug blickt, das gerade zum Landen auf eine Großstadt wie Los Angeles oder Mexiko-Stadt ansetzt. Schwebte man früher über einen Lavateppich, so erfolgt der Anflug nun über ein Eismeer, in dem das alte Orange auseinandergezerrt wurde und bald verschluckt sein wird.

Schaut man in die rohe Natur, dann war das aber schon immer so: Die Sonne strahlt warm und der Vollmond immer kalt auf uns herab. Vielleicht ist in dem romantischen Gedicht von Matthias Claudius deshalb der Mond zwar aufgegangen, aber nur „halb zu sehen“, weil sein gesamter Umfang die Atmosphäre zerstören würde. Nur ein kleines Licht erzeugt Heimat. Die vorübergehend schnellste Lösung, um das aufgedrehte Licht wieder ein bisschen zu kontrollieren, ist immerhin so einfach wie es sonst nur die Imagination beim Dichten: Beim Beleuchten für sich und andere einfach darauf achten, dass man nicht das weiße, sondern ein warmes Licht kauft.


Zur Person:

  • Dr. Manuel Clemens ist Lehrkraft an der Fakultät für Geistes- und Kulturwissenschaften der Uni Vechta.

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