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50 Jahre Pink Moon

Kolumne: Das ganz normale Leben – Durch einen VW-Werbespott kommt ein musikalisches Meisterstück doch noch zu seinem Ruhm. "Pink Moon" passt in seiner heulsusigen Schönheit zur Lage der Nation.

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Als die Vechtaer Inzidenz über 1200 stieg und ein feiner Ganztagsregen die Stimmung trübte, fiel mir beim Aufräumen im Büro eine uralte Promo-Multimedia-CD der Volkswagenwerke in die Hände. Darauf fand sich der 1999 ausschließlich in den USA gesendete Werbespot für das piefige Golf IV Cabrio – am Standard heutiger Zeiten gemessen in erbärmlicher Pixelgröße, aber immerhin schon als kleines Filmchen am Computer sichtbar. Der nur einminütige Streifen zeigt eine nächtliche Tour vier junger Leute im selbstverständlich geöffneten Automobil, das über eine einsame Strandstraße im Mondschein gleitet. Die Szene gleicht einem Sommernachtstraum, ist bildschön gefilmt und herrlich kitschig, aber an und für sich nichts Besonderes. Den eigentlichen Zauber kriegt das Ding durch einen hinreißenden Soundtrack: Nick Drakes "Pink Moon" läuft zur juvenilen Cabriotour und veredelt damit den harmlosen Kommerzstreifen für alle Ewigkeit. Wenn Sie mal schauen wollen: Heute gibt’s den Film an allen Ecken im Netz, zum Beispiel hier.

"Pink Moon" erschien bereits im Februar 1972 und begeht damit in diesen düsteren Zeiten seinen 50. Geburtstag. Das Album hat Drake in zwei Nächten eingespielt, nur mit Wandergitarre, Gesang und Wohnzimmerklavier. Damals verkaufte sich das Lied vom ersten Vollmond im Frühling eher schleppend und galt bestenfalls als wohl behütetes Kulturgut älterer Plattenfreaks mit Bart und Rennrad. In Vechta kannte man es in Schülerkreisen kaum: Wir sahen vor 50 Jahren stattdessen lahme Reportagen der Winterspiele von Sapporo im Schwarzweiß-TV und psalmodierten ohne böse Absicht den Refrain von "One Way Wind". Der Nachbar hatte eine entsetzliche Single aus der Feder des großen Bata Illic und schrie den ganzen Tag "Michaela, aha", das Leben war bescheiden und anständigen Schnee gab es auch nicht.

Songwriter Nick Drake zerbrach derweil im 700 Kilometer entfernten Tanworth-in-Arden bei Birmingham am offenkundigen Misserfolg seines Œuvres und starb nur zweieinhalb Jahre nach der Aufnahme. Drake, so heißt es, war krankhaft schwermütig. Auch Klinikaufenthalte und dezidierte Medikamente konnten nicht helfen. Er wurde schließlich mit einer Überdosis Antidepressiva tot in seinem Bett aufgefunden.

"Manchmal ist Werbung eben doch zu etwas gut."Christian Bitter

Bis zum Erscheinen des VW-Spots blieb sein Werk-Katalog aus nur drei Platten ein Geheimtipp. Erst Volkswagen also bescherte dem zu Lebzeiten unerkannten Meisterstück weltweite Wertschätzung. Manchmal ist Werbung eben doch zu etwas gut.

"Pink Moon" passt in seiner heulsusigen Schönheit zur Lage der Nation: Der Text ist nebulös, die Musik verspricht Besserung. Damit stimmt das kleine Lied angesichts ewigen Winters, nervtötender Pandemie und bedrohlichen Kriegsgetöses am Ende versöhnlich und steigert die Vorfreude auf bessere Tage. Ich kann sie kaum erwarten.

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