Das Nachrichtenportal vonMünsterländische Tageszeitung MT undOldenburgische Volkszeitung OV

100 Europäer stellen sich der Schreibmaschine

Das "Artist in Residence"-Programm der Stadt und Universität Vechta findet seit 2014 jährlich statt. Artist Larissa Schleher berichtet von ihrem Interview-Projekt.

Artikel teilen:
Bei der Buchvorstellung: "Artist in Residence" Larissa Schleher und Verleger Alfred Büngen im Gespräch. Foto: Universität Vechta/Schmidt

Bei der Buchvorstellung: "Artist in Residence" Larissa Schleher und Verleger Alfred Büngen im Gespräch. Foto: Universität Vechta/Schmidt

„Jungen Menschen, Künstlerinnen und Künstlern Zugang zur Stadt Vechta zu gewähren“ - das sei ein Ziel des Programms, sagt Prof. Dr. Burghart Schmidt, Präsident der Universität Vechta am Abend der Buchvorstellung der "Artist in Residence" Larissa Schleher. Es solle auch den Menschen in Vechta ermöglicht werden, durch die Künstler die Stadt in einem anderen Blickwinkel kennenlernen zu können, sagt Bürgermeister Kristian Kater bei seiner Begrüßungsrede.

Rund 1,5 Jahre ist es her, dass Larissa Schleher als Stadtschreiberin in Vechta gelebt hat. Die Chance als "Artist in Residence" nutzt sie, um in einem interaktiven Interviewprojekt herauszufinden, was die Vechtaer mit Europa verbinden und was sie zu Europäern macht.

Von Februar bis März 2020 hat Schleher 100 Menschen verschiedenster Herkunft, Berufsfelder und unterschiedlichen Alters befragt. Sie hat sich mit ihnen unterhalten und die Interviews auf ihrer "Olympia"-Schreibmaschine dokumentiert – alle verewigt in einem Buch des Geest-Verlags: „Länder, das sind doch nur in Sand gezeichnete Linien. 100 Europäer - ein Interviewprojekt“.

Das Buch besteht aus Interviews und eigenen Texten über die persönliche Gefühlslage der Autorin und ihrer Erlebnisse und Beobachtungen in Vechta. Die Interviews sind zudem anonym veröffentlicht worden: „Es wurde nichts aufgezeichnet, kein Name, kein Gesicht“, sagt Schleher.

Positives über Europa

Sie sei „auf Blicke und Gespräche von Vechta und von den Menschen in Vechta“ angewiesen gewesen, sagt sie. Dabei habe sie sich zu Beginn oft die Fragen gestellt: „Werden die Menschen überhaupt mit mir sprechen? Wie schnell kann ich hier reinkommen? Wie schnell komme ich mit den Menschen ins Gespräch?“

Europa sei von den Vechtaern größtenteils positiv gesehen worden, sagt Schleher. „Je jünger die Leute, desto positiver die Stimmung zu Europa. Bei ihnen wurde es sehr sehr positiv gesehen“, erzählt sie. Bei Jüngeren seien die Schlagwörter „Reisefreiheit, Freiheit, Vielfalt und Frieden“ oft gefallen. Die Antworten deckten sich häufig mit denen der älteren Personen, wenn diese etwa beschrieben, froh zu sein, in Frieden leben zu können, ohne Krieg.

Voller Freude: Artist in Residence Larissa Schleher. Foto: Friedrich SchmidtVoller Freude: "Artist in Residence" Larissa Schleher. Foto: Friedrich Schmidt
"Für mich ist Europa ein Friedensprojekt."Larissa Schleher

Für Schleher selbst sei „Europa ein Friedensprojekt“, ein „demokratisches und wertschätzendes Miteinander“, eine „wirtschaftliche Stabilität“ und ein Austausch, den einige Länder ohne Europa nicht bekommen hätten.

Ob Europa in Vechta eine andere Dimension habe als etwa in Süddeutschland, stellt Verleger Alfred Büngen ihr die Frage: „Ich hatte das Gefühl, dass Europa hier ein großes Thema ist. Es ist eine wirtschaftliche Tradition da. Und Europa ist auf jeden Fall vertreten durch die Uni, durch viele Projekte, wie dem Farbwechsel, Projekte zu Rassismus und viele andere Kooperationen."

Rückblickende Erlebnisse

„Lag die Offenheit an der Thematik oder an der Schreibmaschine?“, fragt die junge Frau sich selbst lachend. Viele hätten sich auch zuerst überwinden müssen, mitzumachen und hätten Bedenken gehabt, dass sie zu Europa nichts wissen oder sagen könnten, erzählt die Autorin. Larissa Schleher habe ihre Interviews an verschiedenen Orten geführt - zum Beispiel im gelben Bus der Uni auf dem Rathausplatz oder in Schulen. Es seien viele Menschen auf Schleher zugekommen, aber auch sie sei auf andere zugegangen.

Es seien oft auch untypische Situationen gewesen, bei denen die Interviews zustande gekommen seien. Sie erinnert sich an ein Ereignis zurück, bei dem sie in einer Schule ein Interview geführt habe und im Anschluss die Türen geschlossen worden seien. Da kam sie mit einer Reinigungskraft ins Gespräch, die ihr den Ausgang gezeigt habe. Dabei habe sie die Frau angesprochen, ob sie nicht Lust auf ein Interview hätte. Es seien Menschen dabei gewesen, „die sich sonst nie für ein Interview angemeldet hätten“, sagt Schleher.

Die Schreibmaschine als Erinnerungsstück

Die Sätze mussten „kunstvoll aufeinandergesetzt“ werden, so Schleher. Das Tippen auf der Schreibmaschine sei auch vorsichtig abgelaufen, um Fehler zu vermeiden. Sie fragte sich auch selbst, ob das überhaupt Kunst gewesen sei, was sie da tue. Die Scheibmaschine hätte etwas „Spielerisches, Nettes“ und würde auch Erinnerungen wecken, sagt Larissa Schleher: „Getipptes Papier ist nochmal was anderes als ein Word-Dokument.“ Und weiter: „Ich würde nie wieder Interviews ohne Schreibmaschine führen wollen."

Die Menschen bleiben in Erinnerung

„Ich hoffe, dass die Leute davon was mitnehmen“, denn allein für die Wertschätzung, die sie selbst auch bekomme, habe sich die Arbeit gelohnt, macht sie deutlich. Alfred Büngen will wissen: „Was bleibt von Vechta bei dir hängen?“ Ganz klare Antwort: „Die Menschen. Das war mein Projekt, mein Inhalt. Ich habe in der kurzen Zeit viele Menschen kennengelernt und habe noch mit vielen von ihnen Kontakt.“

Musikalisch wurde die Veranstaltung von der Band "Green Coffee" begleitet.

Zeit für ein Update! Mit der jüngsten Überarbeitung unserer App haben wir das Nachrichten-Erlebnis auf dem Smartphone weiter verbessert und ausgebaut. Jetzt im Google-Playstore und im  Apple App-Store updaten oder downloaden.

Das könnte Sie auch interessieren

Hier klicken und om-online zum Start-Bildschirm hinzufügen

100 Europäer stellen sich der Schreibmaschine - OM online